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Glossar

Anarchafeminismus

Der Begriff stellt eine Synthese zwischen Anarchismus und Feminismus her. Er stammt aus us-ameri­kanischen, radikalfeministischen Diskussionen der 1970er Jahre und stützt sich auf den kommunisti­schen Anarchismus Kropotkins. Peggy Kornegger und Carol Ehrlich haben eine Grundsatzerklärung zum Anarchafeminismus veröffentlicht, deren Thesen oft Grundlage anarchafeministischer Theoriebil­dung sind/waren. Zur Geschichte und Theorie des Anarchafeminismus hat die LAW eine Broschüre herausgegeben: Ag Anarchafeminismus der Libertären Aktion Winterthur. Anarchafeminismus. Ein Ansatz der noch ausgearbeitet werden muss. Winterthur 2008.

Anarchismus

Kommt aus dem Griechischen und bedeutet Herrschaftslosigkeit oder deutlicher: Ordnung ohne Herr­schaft. Der Anarchismus ist eine politische Ideenlehre und Philosophie, die Herrschaft von Menschen sowie jede Art von Hierarchie als Form der Unterdrückung von individueller und kollektiver Freiheit ablehnt.

Ausbeutung / Mehrwert

Der Lohn einer Arbeiterin ist faktisch das, was sie für ihren Lebensunterhalt braucht. Teilweise kann dieser auch höher sein, tendenziell findet sich jedoch immer jemand, der zu einem Lohn arbeitet, der ihm gerade so sein Leben finanziert. Die Produkte, die nun eine Arbeiterin herstellt, sind mehr Wert als ihr Lohn. Das heisst, wir können mehr produzieren, als wir verbrauchen. Dies vor allem mit zuneh­mender Technologisierung. Der Reichtum der Welt wächst also, was unschwer zu erkennen ist. Die Differenz zwischen unserem Lohn und dem Wert der Produkte, die wir monatlich herstellen ist der Mehrwert. Dieser wird von den Kapitalistinnen angeeignet und erscheint als Gewinn des Unterneh­mens und muss zum Teil wieder in Kapital reinvestiert werden. Da wir also mehr produzieren als wir in Form von Lohn zurück erhalten, werden wir ausgebeutet.

Feminismus

Feminismus bezeichnet verschiedene Konzepte, die die Rechte und Interessen von Frauen thematisie­ren und auf eine verbesserte Lage der Frau abzielen. In den 1960/70er Jahren wurde der Begriff „gen­der“ (soziales Geschlecht) zur Unterscheidung vom Begriff „sex“ (biologisches Geschlecht) einge­führt. Somit hat der Feminismus insbesondere in der Queer-Bewegung nicht mehr "die biologische Frau" zum Subjekt. Der Ausdruck „queer“ war ursprünglich ein englisches Schimpfwort zur Bezeich­nung von Homosexuellen. In den 1980/90er Jahren wurde die Bezeichnung politisch positiv besetzt. Heute versammeln sich in der Queer-Bewegung Schwule, Lesben, Bisexuelle, Intersexuelle, Transgen­der, Pansexuelle, Asexuelle und BDSM-Praktizierende, aber auch heterosexuelle Menschen. In der fe­ministischen Bewegung, vor allem in der autonomen Frauenbewegung, ist der Separatismus aber wei­terhin ein gängiges Konzept. Als separatistisch gelten geschlechterspezifische Gruppen, von denen das andere Geschlecht jeweils ausgeschlossen wird. Der Begriff Feminismus umfasst diverse Strömungen, die sich teilweise diametral entgegenstehen. So zum Beispiel auch reaktionäre und reformistische Strö­mungen, welche biologistische Sichtweisen vertreten, eine „neue Mütterlichkeit/Weiblichkeit“ propa­gieren, patriarchale Geschlechterzuschreibungen übernehemen, weibliche Spiritualität hervorheben und glauben, dass der Sexismus mit der wirtschaftlichen Gleichstellung der Geschlechter behoben sei.

Kapitalismus und Kapital

Mit Kapitalismus wird eine Witschaftsordnung bezeichnet, die auf Privateigentum an den Produkti­onsmitteln sowie der dezentralen privatunternehmerischen Planung der Wirtschaftsprozesse beruht. Der Begriff beschränkt sich aber nicht nur auf unser Wirtschaftssystem, sondern stellt ein gesellschaft­liches Verhältnis dar. Er durchdringt die ganze Gesellschaft. Charakteristisch ist, dass Arbeiterinnen von ihren Produktionsmitteln getrennt sind. Eine solche Enteignung geschah und geschieht vielfach gewalttätig. Der Kapitalismus hat Millionen von ihrem Grund und Boden enteignet und so abhängig von der Lohnarbeit gemacht. Mit dem Resultat, dass sich die Enteigneten nun anstellen und ausbeuten lassen müssen. Von früheren Systemen wie Leibeigenschaft oder Sklavenhalterinnengesellschaft un­terscheidet sich der Kapitalismus, insofern dass die Arbeiterinnen formal frei sind, also ihre Ausbeute­rin frei wählen müssen. Das Kapital ist nach Marx die Summe von Wert, die wieder in den Produkti­onsprozess zurückgeführt wird, um sie grösstmöglich zu vermehren. Im Produktionsprozess eingesetzt findet sich das Kapital in Form von Maschinen, Rohstoffen, Arbeit, oder im Finanzsektor als Finanz­kapital. Kapital wird nicht als ein Produktionsfaktor betrachtet, sondern allein die Arbeitskraft produ­ziert Wert.

Kapitalistinnenklasse

Dazu gehören all jene, die von fremder Arbeit leben können. Ihnen gehören die Unternehmen und Pro­duktionsmittel. Mit den ganzen Produktivkräften in der Hand besitzen sie einen Grossteil der gesell­schaftlichen Macht. Sie verwalten den produzierten Mehrwert, schlussendlich den Profit, welcher die Arbeiterinnen erwirtschaftet haben. Kapitalistinnen konkurrenzieren sich auf dem Markt und müssen sich dort behaupten. Sie müssen ihr Kapital verwerten, ansonsten droht der Untergang. Der Marktlo­gik können auch sie sich nicht entziehen und müssen sich daher der Profitmaximierung und Rationalisie­rung unterwerfen. Diese Umstände sind also keineswegs bösen Kapitalistinnen oder habgierigen Ma­nagerinnen geschuldet. Gegenüber dem Proletariat tritt die Kapitalistinnenklasse meist geschlossen auf.

Kommunismus

Bedeutet Gemeinschaftseigentum an den Produktionsmitteln und gesellschaftliche Organisation der Produktion. Die Sowjetunion, Kuba und die weiteren „realsozialistischen“ Länder waren und sind nicht kommunistisch, sondern vielmehr staatskapitalistisch. Denn anstelle von Privaten tritt der Staat als Eigentümer und Ausbeuter auf.

Patriarchat

Patriarchat: Als Patriarchat (übersetzt: Herrschaft des Vaters) wird die Vorherrschaft der Männer in Familie, Politik und Wirtschaft bezeichnet. Die patriarchalische Gesellschaft ist dualistisch und hetero­normativ geprägt. Der Dualismus ist die Lehre der Existenz zweier gegensätzlicher Grundprinzipien. Gemeint ist hier, dass in unserer Gesellschaft nur zwei Geschlechter - männlich und weiblich - aner­kannt werden. Heteronormativität bezeichnet die hegemoniale Norm heterosexuell zu sein. Das heisst, Heterosexualität gilt als normal, richtig und natürlich. Andere sexuelle Orientierungen werden dage­gen als unnatürlich und abnormal angesehen. Heteronormativität kann somit auch mit Zwangshetereo­sexualität übersetzt werden. Der Gegenbegriff zum Patriarchat ist das Matriarchat. Der Begriff hat zwei verschiedene Definitionen: Es wird damit einerseits eine Gesellschaftsstruktur bezeichnet, in der die Frauen die Macht inne haben, und anderseits eine, welche frauenzentriert ist, das heisst, dass die Gesellschaftsordnung um die Frauen herum organisiert ist.

Produktion und Reproduktion

Produktion bezeichnet die Herstellung materieller Güter unter Einsatz von Energie, Arbeit und Pro­duktionsmittel. Die Produktionsmittel umfassen alle Rohstoffe, Arbeits- und Betriebsmittel, welche für die Güterproduktion erforderlich sind. Zum Beispiel Stahl, Maschinen, Werkzeuge, Gebäude und auch Herstellungsverfahren - also auch Dinge, die stofflich nicht direkt in die jeweiligen Endprodukte ein­gehen. Die Reproduktion wird in der marxistischen Tradition als beständige Neuschaffung der Voraus­setzungen für weitere Produktion verstanden. Dazu zählt u.a. die Reproduktion der Arbeitskraft. Die Reproduktionssphäre wird als ein von der Produktionssphäre abgesonderter sozialer Raum verstanden. Reproduktionsarbeit wird traditionell den Frauen zugeschrieben und beinhaltet insbesondere die Wie­derherstellung und Aufrechterhaltung der Arbeitskraft – Kinderbetreuung, und -erziehung und Hausar­beit.

Proletariat und Arbeiterinnenklasse

Das Proletariat bezeichnet alle Menschen, die über keine Produktionmittel verfügen. Also nicht genü­gend Kapital in Form von Aktien, einem Unternehmen oder Geld haben, um davon zu leben. Arbeite­rinnen sind von ihrem Lohn abhängig, sehen sich also gezwungen eine Stelle anzunehmen und ihre Arbeitskraft auf dem Markt zu verkaufen. Sie sind im doppelten Sinne frei: Frei von Produktionsmittel und frei zu wählen, mit wem sie einen Arbeitsvertrag eingehen wollen. Das heisst, sie können wählen von wem sie sich ausbeuten lassen. Dann endet diese Freiheit auch schon, denn bei der Arbeit ist we­der zu entscheiden was herzustellen ist, noch wie viel, noch unter welchen Bedingungen. Fazit: Arbeit­gebende und Arbeitnehmende sind zwar rechtlich gleich, verfügen aber über ganz andere Ausgangsla­gen. In Wirklichkeit sind die Arbeitnehmenden jene, die Arbeit geben, und die Arbeitgebenden jene, die Arbeit nehmen, indem sie sich den produzierten Reichtum aneignen. In einem Streik beispielswei­se zeigt sich, dass die Arbeiterinnenklasse die ganze Wirtschaft am Laufen hält und somit auch das Potential besitzt, diese zu ändern und auf gesellschaftlicher Basis im Interesse aller neu aufzubauen.

Revolution

Ist eine tiefgreifende Umwälzung der gesellschaftlichen Verhältnisse. Eine Revolution fällt nicht vom Himmel. Sie ist als langer Prozess mit enormer Organisationsarbeit zu verstehen. Durch Räte oder ähnliche Organe der Arbeiterinnen wird die Wirtschaft nach den Bedürfnissen der Menschen - statt dem Profit - gesellschaftlich organisiert. Die globale Gesellschaft wird sich vereinigen und unter basis­demokratisch und föderalistisch Grundsätzen neu gestalten.

Produktion

Heutzutage wäre es ohne weiteres möglich, alle Menschen anständig zu versorgen, denn die nötigen Produktivkräfte und Produktionsmittel sind vorhanden. Produziert wird aber nur, was verkauft werden kann. Die Armen bekommen nichts. Die Arbeitsbedingungen für jene, die einen Job haben, sind vom Kapital diktiert und dementsprechend schlecht. In China ist es weit verbreitet, dass die Arbeiterinnen direkt im Unternehmen in Schlafsälen übernachten müssen. Allgemein nimmt der Leistungsdruck ste­tig zu - mit unzähligen negativen Auswirkungen. Das kann geändert werden, indem die Arbeiterinnen beginnen, die Produktion selber zu kontrollieren. Dies ist ein entscheidender Schritt in der Umgestal­tung der Verhältnisse im revolutionären Prozess.

Die Machtfrage stellt sich also im wirtschaftlichen Bereich und nicht etwa im politischen. Das revolu­tionäre Subjekt kann also nur die Arbeiterinnenklasse sein und nicht irgendeine Partei. Denn die Ar­beiterinnenklasse ist die Urheberin der lebensnotwendigen Güter und Dienstleistungen und so hängt auch von ihr das Funktionieren und Weiterbestehen eines jeweiligen Gesellschaftsmodells ab.

Ausgehend von der Tatsache, dass Industrie und Dienstleistungsunternehmen durch die Anstrengungen vieler Generationen von Arbeiterinnen geschaffen wurden und dass die einzelnen Branchen engstens miteinander zusammenhängen, betrachten wir die ganze heutige Produktion als einen einzigen "Be­trieb" der Produzierenden, der den Arbeiterinnen in ihrer Gesamtheit und niemandem im Einzelnen gehört.

Der Produktionsmechanismus des Landes bildet eine Einheit und gehört der ganzen Arbeiterklasse. Diese Situation bedingt den Charakter und die Form der neuen Produktion. Auch in Zukunft wird sie einheitlich und gemeinsam sein, in dem Sinne, dass die Erzeugnisse, die von den Produzierenden her­gestellt werden, allen gehören werden. Diese Erzeugnisse, gleich welcher Art, stellen den gemeinsa­men Lebensmittelfonds der Arbeiter dar, aus dem jeder Beteiligte an der neuen Produktion alles Not­wendige erhalten wird, jeder auf der gleichen Grundlage wie alle anderen.“ (Organisationsplattform der Allgemeinen Anarchistischen Union)

Besitzerinnen, sei es in Form einer privatunternehmerischen Eigentümerin, Aktiengesellschaften oder eines Eigentümerinnen-Staates wie die Sowjetunion wird es nicht mehr geben. Die einstige Bourgeoi­sie wird sich auf der gleichen Grundlage wie alle anderen an der neuen Produktion beteiligen müssen. Andernfalls grenzen jene sich selbst aus, was jedoch durchaus das Recht eines jeden Menschen ist. Be­kämpfen sie aktiv die neue gesellschaftliche Ordnung, oder erheben sie Anspruch auf einen grösseren Teil der natürlichen Rohstoffe, als ihnen anteilsmässig zustehen würde, müssen sie damit rechnen, dass diesen Bestrebungen schnell und konsequent entgegengetreten wird. Falsch wäre die Vorstellung, dass alle heute bestehenden Arbeitsstellen und Qualifikationen des heutigen verwaltenden Mittelstandes und der führenden Oberschicht einfach nichtig und nutzlos werden würden. Sicherlich bestünde ein Grossteil der Arbeitsstellen in der neuen Gesellschaft nicht mehr, da sie schlicht überflüssig wären. Frau denke an Steuerfachfrauen, Polizistinnen, Bankerinnen und viele mehr. Keinesfalls aber würden alle diese Menschen dann "arbeitslos" und arm. Im Gegenteil dürfen sie und alle Mitglieder der Ge­sellschaft sich einer massiven Arbeitszeitverkürzung erfreuen, denn mehr Menschen beteiligen sich an weniger, dafür sinnvolleren Arbeit. Des weiteren kann niemand gezwungen werden, zu arbeiten, doch dies wird auch nicht nötig sein. Denn grundsätzlich gibt es nur sehr wenige Menschen, die ohne jedwelche schöpferische Betätigung zufrieden leben. Sich zu betätigen, in welcher Art auch immer, ist für eine grosse Mehrheit die Grundlage ihrer Selbstentfaltung. Falls es doch noch Individuen geben sollte, die trotz verkürzter Arbeitszeit, trotz selbstverwalteter Arbeit ohne Boss und trotz gesichertem Wohlstand nicht gewillt sind, zu arbeiten, wäre dies kein gesellschaftliches Problem, da die Produktion gut ohne die Beteiligung aller Gesellschaftsmitglieder funktioniert. Sicherlich hätten solche Personen, selbst bei der Hochhaltung des Rechts auf Faulheit, längerfristig Legitimationsschwierigkeiten. Doch hier liegt es in den Händen der einzelnen Gemeinschaften, wie sie mit solchen möglichen Erscheinungen umgehen wollen. Der Imperativ „sich an der Produktion beteiligen müssen“ ist nicht unbedingt adäquat. Viel mehr gibt es einfach nichts mehr zu beherrschen und autokratisch zu kontrollieren: die Betriebe sind selbstverwaltet; die Produktion und Ressourcenverbrauch gesellschaftlich organisiert und kontrolliert. Die Trennung von Arbeit und Freizeit wird aufgehoben. Arbeitsbedingungen und Gestaltung des Arbeitsplatzes unterliegen nicht mehr der ökonomischen Rationalität, so dass das Herstellen von Gütern und Dienstleistungen unter Nutzung modernster Technologien deutlich mehr Komfort und Spass verspricht. Die Menschen werden sich zum Zeitvertreib freiwillig einer schöpferischen, produktiven und zufriedenstellenden Tätigkeit widmen. Der libertäre Kommunismus ist eine hoch organisierte Form der Güterproduktion und Distribution, der die entwickelten Produktivkräfte des Kapitalismus optimal auszunützen weiss. Es entstehen also neuartige Betätigungsfelder, wo die Qualitäten der „verwaltenden Mittelschicht“ durchaus wichtig sind. Eine Herausforderung wird sein, zu verhindern, dass sich eine neue Oligarchie der Verwaltung herausbildet. Jedenfalls hat uns jede falsch verstanden, die denkt, wir wollten eine Reproletarisierung der Gesellschaft. Im Gegenteil! Durch demokratische Arbeitsverteilung und vielseitige Kooperation einzelner Individuen sowie Kollektiven entsteht ein gesundes Verhältnis zwischen körperlicher und geistiger Arbeit.

Um herrschaftliche Strukturen, also Zwang, möglichst zu vermeiden, sollen die Entscheidungsstruktu­ren in wirtschaftlicher Hinsicht möglichst dezentral und föderalistisch gehalten werden. Der Betrieb stellt dabei die kleinste Einheit dar. Eine kommunistische Gesellschaft könnte etwa durch Betriebs­gruppen, Koordinationsgruppen und Räte organisiert sein.

Folgendes Modell ist eine Möglichkeit, libertäre Strukturen aufzubauen:

Betriebsgruppen Betriebsgruppen sind die Entscheidungsträgerinnen auf der untersten Ebene.

  • Die Betriebsgruppen sind in der vorrevolutionären Phase für die Agitation im jeweiligen Be­trieb zuständig. Sie sind der Ausdruck der revolutionären Arbeiterinnen im Betrieb und ermög­lichen ihre Handlungsfähigkeit.

  • In der revolutionären Phase übernehmen sie die Produktion, kollektivieren den Betrieb, gewäh­ren einen möglichst herrschaftsfreien Produktionsmodus und optimieren die Produktion.

  • In der nachrevolutionären Phase sind sie weiterhin die kleinsten Produktionseinheiten. Sie stel­len die Kollektivierung der Produktionsmittel sicher.

Koordinationsgruppen Lokale Koordinationsgruppen bestehen aus Delegierten der ortsansässigen aktiven Arbeiterinnen. Sie sind, wie der Name besagt, für die Koordination der Produktion in den Be­trieben zuständig.

  • In der vorrevolutionären Phase sind sie für die Agitation, die Vernetzung mit anderen lokalen Gruppen und die Bereitstellung von Strukturen zuständig. Zudem wird je nach der Grösse der lokalen Gruppen und der Anzahl von Aktivistinnen, bereits ein nach der Revolution gültiges Delegiertensystem vorweggenommen.

  • Während der Revolution sind sie für die lokale Koordination der Umwälzungen zuständig. In Ausschüssen kümmern sie sich um die Produktion auf lokaler Ebene, um die Verteidigung der Revolution und um alle weiteren Dinge, die anfallen können. Zudem entsenden sie wiederum Delegierte an überregionale Komitees, die sich jedoch nur um überregionale Angelegenheiten kümmern.

  • In der nachrevolutionären Phase bleiben sie weiterhin die lokalen Entscheidungsträgerinnen, die sich insbesondere um wirtschaftliche bzw. strukturelle Belange kümmern.

Es soll eine enge Kooperation der Produzentinnen gleicher oder ähnlicher Güter auf lokaler Ebene an­gestrebt werden, ebenso eine Zusammenarbeit bei der Aus- und Weiterbildung der Arbeiterinnen.

Räte setzen sich wiederum aus Delegierten zusammen und koordinieren die Produktion überregional bis global.

Städtische, regionale und schliesslich globale Föderationen bilden die Grundlage für die Leitung und Verwaltung der Produktion. Von den Arbeiterinnen gewählt, stets unter ihrer Kontrolle gehalten, sowie jederzeit abwählbar, werden sie sich ständig erneuern und die Idee der wahren Selbstverwaltung ver­wirklichen.

Eine gemeinschaftliche Produktion, bei der die Produktionsmittel und die Erzeugnisse der Pro­duktion der Allgemeinheit gehören, die die Lohnarbeit durch das Prinzip der kollegialen Zu­sammenarbeit ersetzt, die gleiche Rechte für alle Produzierenden gewährleistet und die von ge­wählten Organen der Arbeiterinnenselbstverwaltung geleitet wird, hebt die Ausbeutung voll­ständig auf und ist der erste praktische Schritt auf dem Weg zur Verwirklichung des libertären Kommunismus.

Die Prinzipien der anarchistischen Organisation

Die Beteiligung der LAW an verschiedenen sozialen und wirtschaftlichen Kämpfen erfordert einen ideologischen und strategischen Kern, der in sich widerspruchsfrei ist. Sowohl eine Einheit der Ideolo­gie und Taktik, als auch die kollektive Verantwortung erachten wir als wesentlich, so dass das Grund­satzpapier für die Mitglieder der LAW in ihrer Funktion als solche verpflichtend ist. Zur Verhinderung von Machtkonzentrationen bekennen wir uns zudem zum Prinzip des Dezentralismus.

Einheit der Ideologie

Öffentliche Stellungnahmen der LAW bzw. von einzelnen Mitgliedern im Namen der Organisation - Communiqués, Flyer, Interviews usw. - dürfen dem Inhalt des momentanen Grundsatzpapiers nicht widersprechen. Dies schliesst jedoch bei vorheriger Absprache mit der Vollversammlung weder eine Konkretisierung einzelner, im Grundsatzpapier festgehaltenen Positionen, noch eine Weiterentwick­lung von früher vertretenen Standpunkten aus. Für die einzelnen Mitglieder bedeutet die Einheit der Ideologie zudem die Unvereinbarkeit von parallelen Mitgliedschaften oder Aktivitäten in einer Organi­sation, einem Verein, einer Partei o.ä., deren Grundsätze, Statuten oder öffentlich vertretenen Positio­nen, den im Grundsatzpapier der LAW vertretenen Standpunkten widersprechen. Dies betrifft insbe­sondere Organisationen, die sich an politischen Wahlen beteiligen oder allgemein die Übernahme der staatlichen Herrschaft anstreben.

Kollektives Handeln und einheitliche Taktiken

Um unsere gesteckten Ziele zu erreichen, müssen wir kollektiv agieren. Das bedeutet primär, dass wir weder ein Handeln "auf eigene Faust" innerhalb der LAW tolerieren, noch, dass Mitglieder der LAW zugleich politischen Aktivitäten nachgehen können, die im Widerspruch zu den Prinzipien der Organi­sation stehen. Die Grundlagen des kollektiven Handelns bilden verschiedene Taktiken, die durch be­schlussfähige Instanzen der LAW im Konsens abgesegnet werden müssen. Dies ist die Vollversamm­lung, wenn es sich um eine Angelegenheit handelt, die die gesamte Organisation betrifft, oder eine einzelne Aktionsgruppe, wenn das Thema entsprechend eingeschränkt ist. Beschlüsse der Vollver­sammlung sind für die Aktionsgruppen jedoch jederzeit verbindlich. Taktiken können nur dann effizi­ent verfolgt werden, wenn sie dem Prinzip der Einheitlichkeit entsprechen. Dies bedeutet:

  • Übereinstimmung mit den im Grundsatzpapier festgelegten Strategien, Methoden und ideolo­gischen Standpunkten. Prinzipiell ausgeschlossen sind dabei Taktiken, die die Anwendung von Gewalt gegen Menschen und/oder Tieren beinhalten.

  • Widerspruchslosigkeit zu anderen momentan verfolgten Taktiken der LAW oder einzelner Ak­tionsgruppen.

  • Im Sinne einer längerfristigen Strategie ist zudem darauf zu achten, dass einzelne Taktiken möglichst optimal aneinander anknüpfen.

Kollektive Verantwortung

Die LAW und damit alle ihre Mitglieder übernehmen die Folgen des kollektiven Handelns, insbeson­dere die finanzielle Haftung und die (ideologische) Rechtfertigung.

Föderalismus

Ein erster notwendiger Schritt hin zu einer herrschaftslosen Gesellschaft ist die Bekämpfung des Zen­tralismus. Dieser führt, wie zahlreiche historische Beispiele belegen - die Französische Revolution und das Direktorium, die Russische Revolution und die sowjetische Nomenklatur usw. - zur verstärkten geistigen und materiellen Unterdrückung des Proletariats im Allgemeinen und oftmals bestimmter Gruppen im Speziellen. Obwohl auch ein dezentralisiertes System noch lange keine Garantie einer freieren Gesellschaft ist, ist es unser Ziel, den Dezentralismus in der LAW so weit wie möglich umzu­setzen und den Föderalismus auch gegen aussen hin zu propagieren. Dies mit dem Ziel, die Unabhän­gigkeit und damit die individuelle Beteiligung jedes einzelnen Mitglieds der LAW und jeder Aktivistin der anarchistischen Bewegung zu maximieren. Denn nur so ist eine tatsächliche Vielfalt der Meinun­gen möglich und nur so lässt sich ein echter Konsens finden.

Egal wie breit und föderalistisch eine Organisation, aber auch die Gesellschaft insgesamt aufgebaut ist, kann es keine Entscheidungen ohne individuelle Verpflichtungen und kollektive Umsetzung geben. Umso weniger ist dies in einer anarchistischen Organisation möglich, die sich den Belangen des Prole­tariats und der sozialen Revolution verschrieben hat. Die LAW ist nicht nur auf die persönliche, unab­hängige Meinung jedes ihrer Mitglieder angewiesen, sondern auch auf deren Eigeninitiative und Mit­hilfe bei der politischen Arbeit. Das bedeutet natürlich auch, dass einmal übernommene Aufgaben tat­sächlich ausgeführt werden sollen. Nur so kann das föderalistische Prinzip mit Leben gefüllt werden und ermöglichen, dass die LAW richtig funktioniert und sich dem abgesteckten Ziel nähern kann.

Bündnispolitik

Die LAW strebt eine schlagkräftige, organisierte und international gut vernetzte anarchistische Bewe­gung an. Um dieses Ziel zu erreichen, ist eine kluge Bündnispolitik von zentraler Bedeutung. Die Ge­schichte des Anarchismus hat zudem gezeigt, wie wichtig es ist, vorausblickend mit anderen Organisa­tionen zu kooperieren. Allzu oft wurden Anarchistinnen Opfer ihrer autoritären Bündnispartnerinnen, als es diesen gelang, zentrale Positionen im Staat zu erlangen. Erinnert sei an die Russische Revolution, die Machnowschtschina in der Ukraine und der Spanische Bürgerkrieg, als anarchistische Aktivistinnen von ihren vormaligen, bolschewistischen Verbündeten zu Zehntausenden verhaftet, gefoltert und getötet wurden. Schliesslich versprechen wir uns von der Zusammenarbeit nicht nur einen organisatorischen Vorteil, sondern auch wichtige Inputs für die Weiterentwicklung unseres anarchistischen Programms, einen besseren Informationsaustausch und die Ermöglichung überregionaler Solidarität.

Wir unterscheiden drei Arten von Zusammenarbeit: Informeller Austausch, Vernetzung und Bündnis.

Informeller Austausch ist die loseste Form der Zusammenarbeit. Wir verstehen darunter meist einmali­ge Treffen, an denen Mitglieder der LAW ohne imperatives Mandat teilnehmen. Sie sind ein Aus­tausch über Aktivitäten auf lokaler Ebene mit Organisationen gleich welcher Couleur, oder über theo­retische Diskussionen, die in ideologisch nahestehenden Gruppen geführt werden. In beiden Fällen er­hoffen wir uns, von den gemachten Erfahrungen und gewonnenen Erkenntnissen zu profitieren.

Vernetzungen sind für uns ein wichtiges Instrument, um einen fortlaufenden Austausch zu erreichen. Aus diesem Grund wird bei solchen Treffen insbesondere die Kommunikation zwischen den beteilig­ten Gruppen thematisiert. Sie sind ebenfalls grundsätzlich mit allen Organisationen möglich.

Bündnisse schliesslich sind die verpflichtenste Form der Zusammenarbeit. Die LAW nimmt an sol­chen mit Delegierten teil, die jedoch über kein imperatives Mandat verfügen. Werden an Bündnissit­zungen Beschlüsse gefasst, müssen diese jeweils von der Vollversammlung abgesegnet werden, bevor sie für die LAW Gültigkeit haben. Bündnisse werden für Kampagnen oder zur Ermöglichung einer en­gen Form der Zusammenarbeit geschlossen. Sie ermöglichen eine Ausweitung sozialer Kämpfe und Schaffung breiter Solidarität. Bündnisse sind grundsätzlich nur mit ideologisch nahestehenden Organi­sationen möglich, das heisst insbesondere mit anarchokommunistischen Gruppierungen. Falls die Voll­versammlung der Meinung ist, dass ein Bündnis mit einer anderen Gruppierung sinnvoll ist, kann da­bei auch eine Ausnahme gemacht werden. Allerdings sind Bündnisse, die eine Partizipation an der staatlichen Herrschaft anstreben, d.h., deren Ziel die Gründung einer Partei oder ähnliches ist, davon ausgeschlossen. Da in Bündnissen nach unserer Erfahrung weniger effizient diskutiert und agiert wird, als dies innerhalb der LAW der Fall wäre, sind die Vor- und Nachteile einer Beteiligung der LAW an einem Bündnis stets sorgfältig abzuwägen.

Wenn die ökonomischen und sozialen Verhältnisse revolutionäre gesellschaftliche Veränderungen er­möglichen, gewinnt die Bündnispolitik eine strategische Dimension. In solchen Phasen sind die oben erwähnten historischen Erfahrungen mehr den je zu berücksichtigen. Keinesfalls wollen wir dabei ei­ner autoritären Organisation die Möglichkeit geben, durch unsere Unterstützung Herrschaft zu erlan­gen und die Bevölkerung durch Zwang in eine neue Gesellschaftsform einzugliedern. Zusammen mit ideologisch nahestehenden, antiautoritären Gruppierungen soll einerseits ein Abwehrkampf gegen sol­che Organisationen geführt, anderseits durch die schnelle Realisierung unserer ökonomischen und so­zialen Forderungen unser Gesellschaftsmodell populär gemacht werden. An revolutionären Kämpfen, die nur durch „strategische Bündnisse“ mit autoritären Organisationen möglich wären, nimmt die LAW nicht teil.

Der libertäre Kommunismus

Anarchismus

Unter dem Begriff Anarchismus verstehen wir die Lehren der Herrschaftslosigkeit (griechisch ἀναρχία). Obwohl es zahlreiche Theorien des Anarchismus gibt, ist ihnen das Ziel gemeinsam: Die Erreichung eines gesellschaftlichen Zustandes, der Anarchie, der geprägt ist von der Abwesenheit for­meller und informeller Herrschaftsstrukturen im Grossen und Kleinen. Anders ausgedrückt, eine anar­chistische Gesellschaft kennt keine Institutionen, aus deren Handeln oder aus deren blossen Existenz Ausbeutung und Unterdrückung von einzelnen oder Gruppen von Menschen resultiert. Positiv ausge­drückt beschreiben die Lehren des Anarchismus wirtschaftliche und soziale, mitunter ethische Voraus­setzungen für ein Leben aller in Freiheit – was wiederum nicht nur institutionalisierte, sondern auch „informelle“ oder „situative“ Ausbeutungs- und Unterdrückungsverhältnisse ausschliesst, wie sie bspw. in einer Beziehung vorkommen können –, und den Weg, der dazu beschritten werden sollte. Diese Auffassung von Anarchie steht der bürgerlichen Defintion des Begriffs diametral entgegen: Eine herrschaftslose Gesellschaft bedeutet demnach nicht Chaos und Gewalt, sondern ein wahrhaft selbstbestimmtes Leben in Frieden. Das bürgerliche Verständnis von Anarchie ist nur schon deshalb paradox, weil die Anwendung von Gewalt immer eine Form von Herrschaftsdurchsetzung darstellt. Herrschaftslosigkeit heisst demzufolge auch immer das Fehlen von Gewalt. Der Anarchismus ist nicht etwa eine philosophische Schule, die fernab von der sozialen Realität des Proletariats ein gesellschaftliches Ideal propagieren würde, sondern ist von der Praxis des alltäglichen Kampfes der unterdrückten Klassen geprägt und in dieser gewachsen. Herrschaftsstrukturen sind abstrakt und können nur in der Form von Ausbeutung und Unterdrückung, also Formen von Gewalt, wahrgenommen werden. Erfahrbar sind sie offensichtlich nur durch diejenigen, die unterdrückt und ausgebeutet werden. Anarchismus ist also immer beides, Denken und Handeln, die sich gegenseitig beeinflussen. Daraus folgt, dass der Anarchismus niemals statisch ist, sondern sich fortlaufend verändert. Trotzdem kennt der Anarchismus theoretische und methodische Fixpunkte, die sich im Laufe der Zeit als plausibel und effizient herausgestellt haben, und die oftmals mit einzelnen herausragenden Denkerinnen identifiziert werden. Doch der Anarchismus ist nicht etwa das Werk einzelner Individuen, sondern immer ein Ausdruck der sich gegen ihre Unterdrückung wehrenden Klassen. Herrschaft wird nicht mit einer bestimmten Methode des Denkens erkannt, sondern im Stossen an und Überschreiten von gesellschaftlichen Grenzen. Herrschaftliche Strukturen in ihrem Kern erfassen kann also nur, wer sie erfahren hat. Deshalb ist der Kampf zu ihrer Überwindung stets ein Kampf der von ihr Betroffenen, seien sie nun auf Grund ihrer wirtschaftlichen, ethnischen, geschlechtlichen usw. Rollen unterdrückt. Herrschaftsfreiheit ist zuallerst ein Akt des Handelns, nicht des Denkens.

Libertärer Kommunismus

Die obigen Ausführungen zum Anarchismus sind nicht zufällig sehr vage gehalten. Durch die negative Definition des Begriffs - Abwesenheit von Herrschaft - sind mit ihm im Laufe der letzten 200 Jahren zahlreiche Lehren identifiziert worden – darunter auch solche, die in ihrer Konsequenz wenig anar­chistisch sind. Der libertäre Kommunismus, den die LAW vertritt, wurde erstmals um 1900 von Peter Kropotkin systematisiert. Er unterscheidet sich von anderen Anarchismen am dezidiertesten in der Fra­ge der ökonomischen Organisation der Gesellschaft, insbesondere hinsichtlich der Güterdistribution. Unserer Meinung nach kommen im libertären Kommunismus sowohl die gesellschaftliche Solidarität als auch die Idee der individuellen Freiheit jeweils am Besten zum Ausdruck, wobei beide Forderun­gen sich in ihrer Entwicklung gegenseitig ergänzen und bedingen. In keiner Weise rechtfertigt der li­bertäre Kommunismus die Existenz nichtarbeitender Klassen oder lässt ihren Weiterbestand zu. Soll­ten sich diese Klassen in der libertär-kommunistischen Gesellschaft erhalten, übernimmt letztere kei­nerlei Verantwortung für sie. Lediglich in dem Fall, dass die nichtarbeitenden Klassen entscheiden, produktiv zu arbeiten und nunmehr im gesellschaftlichen System des libertären Kommunismus auf ge­meinsamer Grundlage zu leben, werden sie in ihm eine gleichgestellte Position einnehmen, d.h. eine Position als freie Mitglieder der Gesellschaft, die die Rechte dieser Gesellschaft in Anspruch nehmen und die allgemeinen Verantwortungen mit tragen. Der libertäre Kommunismus strebt nach der Beseiti­gung jeder Ausbeutung und jeder Gewalt gegen Personen. Zu diesem Ziel schafft er eine wirtschaftli­che und soziale Basis, die das ökonomische und gesellschaftliche Leben des Landes in ein Ganzes zu­sammenführt und die jeder Einzelnen eine gleichgestellte Position und ein Maximum an Gütern si­chert. Wie die meisten Lehren des Anarchismus strebt auch der libertäre Kommunismus hierfür neben der Abschaffung des Staates die Überwindung des Kapitalismus an. Sowohl das Repräsentationsprin­zip in politischen Fragen wie auch die Diktatur im Bereich der Produktion, die sich faktisch sowohl hinsichtlich der Arbeitsbedingungen wie auch der erzeugten Güter jeder direkten Kontrolle entzieht, sollen ersetzt werden durch basisdemokratische Strukturen, an denen alle Betroffenen partizipieren können. Konkret heisst das im Bereich der politischen Entscheidungsfindung die Etablierung eines Delegiertensystems auf lokaler, regionaler, überregionaler, kontinentaler und weltweiter Ebene, in dem die lokalen Vollversammlungen das oberste Weisungsrecht besitzen und zudem jederzeit über die Möglichkeit verfügen, die entsandten Delegierten abzusetzen, im Bereich der Produktion die Vergesellschaftung aller Ressourcen und Produktionsmittel (Industrie, Transport, Land, Rohstoffquellen usw.). Im Rahmen dieser selbstverwalteten Gesellschaft etabliert der libertäre Kommunismus das Prinzip der Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung jeder Person (nicht einer abstrakten allgemeinen Persönlichkeit, einer mystischen Persönlichkeit oder der Persönlichkeit als Idee). Aus dem Prinzip der Gleichwertigkeit und der Gleichberechtigung jeder Einzelnen, aber auch daraus, dass der Wert der Arbeit jeder einzelnen Person nicht gemessen und beurteilt werden kann, ergibt sich das grundlegende sozialrechtliche und wirtschaftliche Prinzip des libertären Kommunismus: „Jede nach ihren Fähigkeiten, jede nach ihren Bedürfnissen!“ Einerseits bedeutet dies eine Demokratisierung der Produktion. Arbeit beruht grundsätzlich auf Freiwilligkeit; kein Mensch kann zu einer Arbeit gezwungen werden, die dieser nicht ausführen will. Das hat zur Folge, dass unbeliebte Arbeit, die jedoch unerlässlich ist, möglichst rationalisiert und pro Person auf ein Minimum reduziert wird. Der technische Fortschritt und die möglichst gleichmässige Aufteilung werden also gerade bei solchen Aufgaben besonders forciert. Anderseits werden die Früchte der gemeinsamen Leistungen allen zur Verfügung gestellt, egal, wie wenig oder viel der einzelne Mensch zu dieser bestimmten Arbeit beigetragen hat. Folglich wird das Privateigentum, insofern es eine Instanz für die Produktion und den individuellen Tausch darstellt, überflüssig sein und abgeschafft werden: Alles, was nicht für den eigenen Konsum bestimmt ist, also ein dem einzelnen Menschen eigenes, direktes materielles Bedürfnis zur Grundlage hat, ist im Besitz der Gemeinschaft. Ohne den individuellen Tausch wird natürlich auch das Geld als Tauschäquivalent obsolet sein. Die Angst, eines Tages mittellos zu sein, und der wirtschaftliche Neid entfallen durch diese Wirtschaftsordnung völlig. Auch werden die typischen Probleme unserer heutigen Gesellschaft – Rassismus und Antisemitismus, Sexismus und Homophobie, Konkurrenzdenken und Krieg – ihrer ökonomischen Grundlagen beraubt und damit realistischerweise aufhebbar.

Anarchafeminismus

Konsequenterweise gehört der Anarchafeminismus zum Anarchismus dazu. Diesem wurde in der Ver­gangenheit jedoch zu wenig Beachtung geschenkt. Traditionell war und ist die anarchistische Bewe­gung grösstenteils von Männern dominiert. Die anarchafeministische Diskussion der späten 70er und 80er Jahre verstehen wir daher als Aufruf und Forderung an die anarchistische Bewegung, die Proble­matik der Geschlechterhierarchie differenzierter zu betrachten und in Theorie und Analyse miteinzu­beziehen.

Feministinnen sind nicht zwingend Anarchistinnen, wie dies in den 70er Jahren von Kornegger und Ehrlich behauptet wurde. Von reaktionären und reformistischen Feminismen distanzieren wir uns. Durch Reform (zb. Quotenregelungen und Gleichstellungsmassnahmen) kann der Sexismus nicht überwunden werden. Auch wenn diese Reformen teilweise das Leben einer arbeitstätigen Frau und Mutter zu erleichtern scheinen, begünstigen sie vor allem das Weiterbestehen der kapitalistischen (Re-)Produktionsweise. Die Reformen als trügerische Lösungsvorschläge ändern nur scheinbar etwas an der Verteilung der Geschlechterrollen. Um alle Menschen zu befreien, braucht es jedoch eine tiefer­greifende revolutionäre Umstrukturierung der gesellschaftlichen Verhältnisse – u.a. die Aufhebung des Patriarchats und des Kapitalismus.

Unsere Gesellschaft lässt nur zwei Geschlechter zu. Tatsächlich existiert aber ein unendlich weites Spektrum von biosoziokultureller Geschlechterausprägung und sexueller Vielfalt. Bewegungen die sich mit gender und queer befassen leisten bezüglich der Aufhebung der dualistischen Gesellschaft einen wichtigen Beitrag. Es darf dabei jedoch nicht vergessen werden, dass Frauen nach wie vor als Frauen unterdrückt werden. In unserer Theorie und Praxis spielt es zwar keine Rolle, welches Ge­schlecht mensch hat, die gesellschaftliche Realität zwingt uns jedoch, auch als Frau zu kämpfen.

In der Betroffenheit (z.B. bei Opfern sexueller Übergriffe) erachten wir es als berechtigt, geschlechter­spezifische Gruppen zu bilden, im revolutionären Kampf gegen Sexismus und für die Befreiung der Menschen gibt es für uns jedoch keinen Grund zum Separatismus. Unser gemeinsames Ziel ist die Aufhebung der heteronormativen, dualistischen Auffassung der Geschlechterrollen – die Biologie soll dabei einen neutralen Stellenwert einnehmen – und der Mensch soll als Mensch in seiner Individuali­tät akzeptiert und respektiert werden.