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Zeitungsartikel für die GraswurzelRevolution:

Tage der Anarchie

Seit 2005 finden in Winterthur jeden Februar die Anarchietage statt. Mit einer Reihe von Veranstaltungen soll interessierten Menschen die Gelegenheit geboten werden, mehr über anarchistische Theorie und Praxis zu erfahren.

Auch dieses Jahr war es am Wochenende vom 12. bis 14. Februar wieder so weit: Fünf Anlässe zu Anarchosyndikalismus, Rätekommunismus, Anarchismus in Venezuela und Betriebsbesetzungen standen auf dem Programm. Gut die Hälfte der Besucherinnen und Besucher stammte aus dem benachbarten Ausland. Offenbar ist die Hemmschwelle für die Beschäftigung mit anarchistischer Theorie in der Schweiz höher als in Deutschland und Österreich. Und vor allem um theoretische Aspekte ging es dann an den Anarchietagen auch. Holger Marcks referierte am Freitagabend zum „Konzept der gesellschaftlichen Veränderung im(Anarcho-)Syndikalismus“. Trotz schwerer Erkältung konnte er mit dem „Langweiligsten der Welt“1 das Publikum durchaus fesseln, wenn auch einige jüngere Besucherinnen und Besucher das hohe Niveau der Veranstaltung nachträglich kritisierten.

Der Samstag hätte eigentlich ganz im Zeichen von Marxismus, Anarchismus und deren Di- und Konvergenzen gestanden, allerdings fiel bereits die erste Veranstaltung krankheitsbedingt aus. Freundlicherweise sprang ein Genosse der FAU Moers kurzfristig mit einem Inputreferat über den Arbeitskampf im Kino Babylon in Berlin2 ein und konnte damit fast nahtlos an die Veranstaltung vom vergangenen Abend anschliessen. Allerdings war das Kurzreferat auch das Startsignal für eine Diskussion, die in der Folge immer wieder zu deutlichen Meinungsverschiedenheiten führen sollte: Die unabhängigen Rätekommunisten aus Deutschland, die anschliessend einen Vortrag zur „revolutionären Selbstaufhebung des Proletariats“ hielten, kritisierten vehement die „Stellvertreterpolitik“ der Freien ArbeiterInnen-Union, während deren Fürsprecher das basisdemokratische Gewerkschaftsprinzip ebenso dezidiert verteidigten. Leider drehte sich der grundsätzlich interessante Schlagabtausch schon bald im Kreis, was gerade Besucherinnen und Besucher, die mit den Hintergründen dieses Konfliktes nicht vertraut waren, eher vergraulte. Verstärkt wurde dies noch durch eine parallel geführte „Expertendiskussion“ unter anwesenden Marxisten, die sich im Anschluss an den Vortrag der Rätekommunisten entspann.

Die zwei Veranstaltungen am Sonntag waren dann aber wieder eher im Sinn „praktisch“ orientierter Aktivistinnen und Aktivisten. Den Anfang machte eine leider nur virtuell anwesende Redaktorin der venezolanischen Zeitschrift „El libertario“, die trotz anderslautenden Zusicherungen bereits am Flughafen von Barcelona an der Einreise in die Schweiz gehindert worden war. Durch eine kurzfristig organisierte Videokonferenz berichtete sie über den Kampf von Indigenas gegen den Raubbau an ihren eigentlich durch den venezolanischen Staat zugesprochenen Ländereien. Chavez' „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ demaskierte sie so als eines von vielen „Joint Ventures“ zwischen Staat und Grosskonzernen. Für einen kämpferischen Abschluss der Anarchietage sorgte schliesslich Rainer Thomann mit seinem feurigen Vortrag über die Betriebsbesetzungen bei Continental in Nordfrankreich und der INNSE in Mailand, der das Publikum zu spontanem Fäuste-Recken oder vereinzelt gar zum Mitsingen von abgespielten Kampfliedern animieren konnte.

Wenn ich oft nur die männliche Form verwendet habe, ist das kein Versehen: Obwohl sich im Publikum jeweils mindestens ebenso viele Frauen wie Männer befanden, waren es mit vielleicht zwei Ausnahmen ausschliesslich letztere, die sich in die Diskussionen einbrachten. Doch nicht nur die Frauen, auch die Männer waren in der überwiegenden Zahl sehr schweigsam. Dies lag wohl vor allem am gehobenen Niveau der diesjährigen Vorträge, die mitunter den Kreis der Diskutierenden auf kaum mehr als den der Referenten beschränkte.

Trotz oder vielleicht gerade wegen den anspruchsvollen Referaten kamen so viele Besucherinnen und Besucher wie noch nie. Denn beim „theoretischsten“ aller Referate, demjenigen der Rätekommunisten, zählte die Veranstalterin der Anarchietage, die Libertäre Aktion Winterthur, über 120 Zuhörerinnen und Zuhörer. Sie wurde somit durchaus in ihrer Auffassung bestätigt, dass eine Annäherung zwischen libertärem Marxismus und kommunistischem Anarchismus ein theoretisches Potential entfalten kann, auch wenn gewisse dogmatische Standpunkte noch aus dem Weg geräumt werden müssen.

1 s. den gleichnamigen Artikel in der Direkten Aktion 195 (September / Oktober 2009), auf dem der Vortrag basierte.

2 s. den Blog „Prekäres Babylon“, http://prekba.blogsport.de