StandortFUCKtor Winterthur

AntirepSoliSpenden an:

Verein Soli-Fonds, Bachtelstr. 70, 8400 Winterthur
ABS, 4601 Olten
Konto-Nr. 46-110-7
IBAN CH69 0839 0034 1329 1000 3

Zahlungszweck: Standortfucktor

Einleitung

Einleitung

Das Grundsatzpapier wiedergibt den momentanen Konsens der Mitglieder der LAW hinsichtlich ideo­logischer und strategischer Fragen. Dieser grösste gemeinsame Nenner bildet den theoretischen Kern, von welchem aus die Praxis und die hinter ihr stehenden Taktiken abgeleitet werden. Das Grundsatz­papier ist also auf der einen Seite eine theoretische Standortbestimmung, die aus einer Analyse der ge­genwärtigen gesellschaftlichen Situation und der Skizzierung des libertären Kommunismus besteht, dessen Grundzügen sich die LAW verpflichtet fühlt, und auf der anderen Seite die Formulierung einer Strategie, die von der momentanen kapitalistischen Gesellschaft hin zur sozialen Revolution führen soll und dafür ein Set an möglichen Taktiken nennt.

Die anarchistische Bewegung in der Deutschschweiz ist noch nicht gross. Selbst die wenigen grösseren Gruppen und Organisationen haben kaum mehr als 15 - 20 Aktivistinnen und eine Handvoll Sympa­thisantinnen, was bei einer durchschnittlichen Stadt mit etwa 50'000 Einwohnerinnen nicht mal ein Promill ist... Die Gründe für diesen quantitativen Missstand mögen vielfältig sein, doch einer ist uns in unserer Zeit als Aktivistinnen immer wieder ins Auge gesprungen: Ein Mangel an theoretischen Dis­kursen und Analysen und daraus resultierend eine strategische Konzeptionslosigkeit. Dies interessan­terweise in einer Zeit, in der es absolut notwendig scheint, einige grundlegende Fragen im Anarchis­mus neu zu stellen und - vielleicht - neu zu beantworten. Anders als andere Ideologien sollte der Anar­chismus nicht als etwas Statisches begriffen werden, dessen Ausformung im Grossen und Ganzen seit dem Ende des 2. Weltkrieges und der vorläufig endgültigen Etablierung "liberaler Demokratien" im Westen abgeschlossen ist. Eine zunehmend stärker forcierte wirtschaftliche Globalisierung mit ihren zahlreichen Auswirkungen auf regionale, soziale und kulturelle Strukturen, eine Verschärfung der ökonomischen Lage in der Schweiz und weltweit sowieso, eine Situation, die es hierzulande immer schwieriger macht, Positionen zu beziehen, deren Radikalität sie davor schützt, nicht sofort kommerzi­ell umgedeutet zu werden (Wer will sich denn heute nicht Turnschuhe mit revolutionärer Technik an­schaffen? Oder sich ein Stückchen Freiheit kaufen?).

Der Begriff "Anarchismus" stellt uns vor ein spezifisches Problem: Es gibt nicht die Theorie des An­archismus, sondern eine Vielzahl von sich oft widersprechenden Ansätzen. Es ist wenig sinnvoll, diese Gegensätze vereinigen zu wollen - eine überzeugte Anarchoindividualistin beispielsweise wird sich mit einer Anarchosyndikalistin kaum auf mehr als ein paar ganz allgemeine Grundgedanken des Anar­chismus einigen können. Eine Organisierung ist also nur dann sinnvoll, wenn nicht nur ein kleinster gemeinsamer Nenner zwischen den Positionen der Anhängerinnen besteht, sondern eine weitestgehen­de Übereinstimmung in ideologischen Fragen.

Eine starke anarchistische Bewegung setzt eine effiziente Organisierung voraus. Ein Blick in die Ge­schichte und eine Betrachtung der Gegenwart zeigt, dass eine effiziente libertäre Strategie nie ohne eine schlagkräftige, genuin anarchistische Organisation zu denken ist. Obwohl bei vielen Anarchistin­nen umstritten, scheinen uns die diesbezüglichen Forderungen, die in der sog. Plattform von 1926 von russischen bzw. ukrainischen Exilantinnen um die Gruppe "Dielo Truda" aufgestellt wurden, am rea­listischsten. Diese sieht die Erschaffung einer sog. "Allgemeine Anarchistische Union" vor, die auf der ideellen Grundlage des libertären Kommunismus Aktivistinnen vereinigen will. Die spezifischen platt­formistischen Ideen zur Union waren neben der ideologischen Einheit:

  1. Einheitliche Taktik und kollektives Handeln

    Die revolutionären Taktiken, die von einzelnen Mitgliedern oder Organisationen innerhalb der Union angewandt werden, dürfen sich weder zueinander noch zur allgemeinen Ideologie und generellen Taktik der Union im Widerspruch befinden. D.h., es existiert eine Linie, an der sich die einzelnen Aktivitäten ausrichten und die ein kollektives, einheitliches Handeln überhaupt erst möglich macht.

  2. Kollektive Verantwortung

    Mitglieder der Union handeln politisch nicht auf eigene Faust. Die Union ist für die politischen Aktivitäten jedes einzelnen Mitglieds verantwortlich und jedes Mitglied steht hinter allen Tä­tigkeiten der Union als Ganze.

  3. Föderalismus

    Die Union ist in einzelne Organisationen unterteilt, die jeweils über ihre eigene Struktur, inkl. Verbindungssekretariat, verfügen. Unionsspezifische Entscheidungen werden in der Basis, also in diesen Partikularorganisationen, getroffen, so dass sich jedes Mitglied an der Entscheidungs­findung beteiligen kann. Ein allgemeines Sekretariat wacht darüber, dass die gefällten Ent­scheidungen eingehalten werden und dient zudem als Verbindungsstelle zwischen den einzel­nen Organisationen. Föderalismus heisst aber auch individuelle Disziplin: Übernimmt ein Mit­glied oder eine Organisation eine bestimmte Aufgabe, ist diese auch vollständig und zeitig aus­zuführen. Mit dieser "revolutionären Disziplin" jeder und jedes Einzelnen steht und fällt in letzter Instanz das Prinzip des Föderalismus.

Diese organisatorische Strategie, die dem Plattformismus den unserer Meinung nach ungerechtfertig­ten Vorwurf einbrachte, er "bolschewisiere" den Anarchismus, hatte zum Ziel, eine stabile und zuver­lässige anarchistische Organisation zu bilden, um effiziente ideologische und taktische Debatten füh­ren zu können. Die Resultate dieser Diskussionen sollten durch die einzelnen Mitglieder - damals vor­wiegend Industriearbeiterinnen und Bäuerinnen - in die entsprechenden politischen Bewegungen ge­tragen werden, um die Bewusstseinsbildung zu fördern und schlussendlich eine "libertär-kommunisti­sche Hegemonie"1 in der Bäuerinnen- und Arbeiterinnenschaft zu gewinnen. Dies machte in der Zwi­schenkriegsphase und insbesondere an den wirtschaftlichen Verhältnissen von Osteuropa gemessen Sinn, da in diesen zwei Klassen zur damaligen Zeit ohne jeden Zweifel das grösste revolutionäre Po­tential lag.

Gut drei Jahrzehnte später wurde in Südamerika eine ganz ähnliche Strategie entwickelt, die später un­ter dem Namen "Especifismo" Verbreitung fand und, ohne vom Plattformismus Kenntnis genommen zu haben, als eine Aktualisierung desselben gesehen werden kann. Sie unterteilt den revolutionär-poli­tischen Kampf in zwei Bereiche. Einerseits geht es darum, genuin anarchistische (d.h. anarchokommu­nistische) Organisationen aufzubauen, in der organisierungswillige Anarchistinnen über ideologische, strategische und organisatorische Fragen diskutieren können. Durch eine profunde gesellschaftliche Analyse sollen kurz-, mittel- und langfristige Ziele formuliert und in programmatischen Schriften zu­sammengefasst werden. Andererseits ist für den Especifismo das Prinzip der "inserción social" funda­mental. Dies meint das Engagement von Mitgliedern der o.g. Organisationen in Bewegungen von Un­terdrückten jeder Art: In Landlosen-, Frauen-, Arbeiterinnen-, Migrantinnen- und Obdachlosenbewe­gungen, Basisgewerkschaften, nachbarschaftlichen Netzwerken, Quartiervereinen usw. Der Especifis­mo strebt nicht an, diese Bewegungen zum Anarchismus zu "bekehren", sondern die bereits vorhande­nen anarchistischen Momente (basisdemokratische Organisierung, Solidaritätsprinzip, Selbstverant­wortung, herrschaftskritische Ansätze usw.) zu fördern und gegen die Einflussnahme von Parteien und autoritären Gruppierungen zu verteidigen.

Diese Ansätze sind nicht nur aus strategischen Gründen (Verfestigung basisdemokratischer und herr­schaftskritischer Ansätze in der Bevölkerung und damit die Propagierung zentraler Momente des An­archismus) für uns libertäre Kommunistinnen in der Schweiz interessant. Eine gemeinsame anarchisti­sche Organisation, in der auch Erkenntnisse aus den Basisbewegungen einfliessen, würde uns für eine Aktualisierung und Anpassung anarchokommunistischer Theorie an die heutigen Verhältnisse enorm helfen. Anarchismus als Lehre der Herrschaftslosigkeit impliziert eine genaue und ausführliche Defi­nition von dem, was Herrschaft überhaupt ausmacht. Der Facettenreichtum dieses Begriffs kann aber erst durch die Analyse, und im alltäglichen Kampf gegen spezifische Unterdrückungsmechanismen, überhaupt erfasst werden. U.a. deshalb ist es wesentlich, dass wir uns als Anarchistinnen an solchen Kämpfen beteiligen oder uns zumindest mit ihnen aktiv solidarisieren.

Gliederung

Der erste Teil des Grundsatzpapiers widmet sich der Analyse der gegenwärtigen Gesellschaft. Eine be­sondere Beachtung finden hierbei wirtschaftliche Aspekte (Kapitalismuskritik), der Staat als Herr­schaftsinstrument und „kulturelle“ Formungs- und Unterdrückungsmechanismen (Patriarchat und Ge­schlechterrollen, Rassismus, Antisemitismus, Religion, Schule). Der zweite Teil stellt die grundlegen­de Strategie des libertären Kommunismus vor, mit besonderer Betonung ihrer „plattformistischen“ Ausprägung, welche einerseits für starke spezifisch anarchistische Organisationen plädiert, anderseits aber auch eine Strategie der Involvierung ihrer Anhängerinnen in wirtschaftliche und soziale Kämpfe verfolgt. Im letzten Teil schliesslich geht es um die Skizzierung einer möglichen anarchokommunisti­schen Gesellschaft. Wir sind uns darüber im Klaren, dass sich der Lauf der Geschichte nicht mit Si­cherheit vorhersagen lässt. Aber gerade aus dem Grund, dass wir keinen historischen Determinismus vertreten, glauben wir an die Formbarkeit der Geschichte durch die Menschen. Wir sind fest davon überzeugt, dass eine Mehrheit der Menschheit der Kernforderung des Anarchismus – Herrschaftslo­sigkeit – positiv gegenübersteht, wenn auch die meisten davon wohl heute an der Realisierbarkeit zweifeln. Sozioökonomisch gesehen sind es sogar die allermeisten Menschen, die ein Interesse an der Überwindung des Kapitalismus haben – denn sie alle sind Teil der Arbeiterinnenklasse, die, entfrem­det von den von ihnen produzierten Gütern, nur einen Bruchteil des Wertes („Lohn“) von dem zurück­bekommen, was sie erschaffen haben. Aus diesen Gründen sehen wir es als wichtig und richtig an, auch über die „Utopie“, und nicht nur über die Strategie des anarchistischen Kommunismus zu reden. Wir alle sollten wissen, wofür wir kämpfen, wenn auch das, was wir uns erhoffen, vielleicht nie voll­ständig erreicht werden kann. Doch darin sehen wir gerade die Stärke des Anarchismus: Keine abge­schlossene Lehre, die zwangsläufig im Dogmatismus endet, ist er eine beliebig erweiterbare Samm­lung herrschaftsfreier Theorien und Praktiken, von denen über die Jahre eine Vielzahl Eingang in so­ziale Bewegungen, basisdemokratische Gewerkschaften und Selbsthilfegruppen gefunden haben. Eine ganze Menge an Erfahrungen und Erkenntnissen konnten so gewonnen werden, die die Basis für Expe­rimente des Zusammenlebens und Zusammenwirtschaftens in einer herrschaftsfreien Gesellschaft bil­den können. Wenn wir heute trotzdem für eine Einheit der anarchistischen Theorie und Praxis einste­hen und die taktische Relevanz solcher „Experimente“ in einer kapitalistischen Welt bestreiten, tun wir das also nicht, weil wir ihren Erkenntniswert gering schätzen würden, sondern weil wir davon über­zeugt sind, dass eine anarchistische Gesellschaft nur durch die soziale Revolution des Proletariats er­reicht werden kann.

 

1 Damit ist nicht die Herrschaft von Anarchistinnen über Nicht-Anarchistinnen gemeint, sondern die Vorherrschaft der libertär-kommunistischen Idee in der revolutionären Bewegung. Dies wäre vorallem wichtig gewesen, um die bolschewistische Parteidiktatur abzuwenden.