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Ein Anarchist unter Dschihadisten

Deutsche Übersetzung des Textes "A Close look at the Syrian revolution" von Mazen Kamalmaz

 

 

Eine genaue Betrachtung der syrischen Revolution

Von Mazen Kamalmaz

Ein Anarchist unter Dschihadisten

Dies trifft bis zu einem gewissen Grad auf meine Situation zu, als ich mich in den "befreiten Gebieten" Syriens befand - denjenigen Gebieten also, die von der Freien Armee, den Streitkräften der syrischen Opposition, kontrolliert werden. Aber es ist nicht die ganze Wahrheit: Obwohl die meisten Angehörigen der Freien Armee denken oder behaupten, den Dschihad zu führen, sind nicht alle überzeugte Dschihadisten. Unter ihnen befinden sich wie in jedem bewaffneten Konflikt eine Menge gewöhnlicher (auch krimineller) Menschen.

Mein erster und bleibender Eindruck von der aktuellen Situation in Syrien war, dass im Land keine Revolution des Volkes mehr stattfindet, sondern ein bewaffneter Umsturz, der jederzeit droht, in einen Bürgerkrieg zu münden. Das syrische Volk, welches in den ersten Monaten der Revolution beispiellosen Mut und Wille gezeigt hat, Assads Regime trotz dessen Brutalität zu bekämpfen, ist nun wirklich erschöpft. 19 lange Monate blutige Repression und, seit Kurzem, Hunger, allgemein knappe Ressourcen sowie fortwährende Bombardierungen durch die Armee des Regimes schwächen seinen Kampfgeist. Zynischerweise sind nicht das Regime, sondern die Opposition, insbesondere die Islamisten, Nutzniesser dieser Situation. Dank ihren internationalen Beziehungen, hauptsächlich zu den reichen, despotischen Golfstaaten, kann die Opposition nun die hungrige Bevölkerung in den von ihr kontrollierten Gebieten ernähren und unterstützen. Ohne eine solche Unterstützung wäre eine humanitäre Katastrophe fast unabwendbar. Aber sie wird weder von den Herrschern der Golfstaaten noch von den Führern der Opposition umsonst geleistet. Wie alle autoritären Kräfte verlangen sie von den Massen Unterwerfung und Gehorsam. Das bedeutet unweigerlich das Ende der syrischen Revolution als ein kollektiver mutiger Akt des Volkes.

Zugegeben, ich habe einige Dschihadisten vor dem Tod bewahrt* und anderen geholfen, in den Kampf zurückzukehren. Aber meine eigentliche Absicht als Arzt und Anarchist war es, den Massen zu helfen, zu denen ich mich selber zähle.

Ich denke nicht, dass unser Problem der Islam selbst ist. Dieser kann egalitär oder sogar anarchistisch sein. Es gab in der Geschichte des Islams Gelehrte, die für eine staatenlose und freie muslimische Gesellschaft eintraten, teilweise sogar für eine Welt ohne Herrschaft.

Problematisch an den Ereignissen in Syrien ist nicht nur der schwierige und blutige Prozess der Ablösung einer rücksichtslosen Diktatur - gravierender noch ist die durchaus reale Möglichkeit, dass diese durch eine neue, brutalere Diktatur abgelöst werden könnte.

Bereits in einer frühen Phase der Revolution beanspruchte eine kleine Anzahl Leute, hauptsächlich überzeugte Islamisten, die revoltierenden Massen zu repräsentieren, und zelebrierten sich als die einzig wahren Revolutionäre, als die einzig wahren Vertreter des Volkes. Weder der Mainstream der revolutionären Massen noch die Intellektuellen machten ihnen diesen Anspruch streitig. Wir hingegen traten und treten diesen autoritären und falschen Behauptungen entgegen, konnten damit aber bislang nicht viel bewirken.

Diese Leute behaupteten, dass es sich beim Konflikt um einen Religionskrieg handle, und nicht um eine Revolution der Massen gegen ihre Unterdrücker. Sie machten sich dabei die Tatsache zunutze, dass Assad einer anderen muslimischen Gemeinschaft angehört als die Mehrheit der Bevölkerung. Sunnitische Gelehrte beschuldigten die Angehörigen der Gemeinschaft in der Vergangenheit regelmässig, gegen den wahren Islam und schlimmer als Nicht-Muslime zu sein. Wir waren schockiert, als nach Ausbruch des Aufstandes die Mehrheit dieser Alawiten, von denen viele ärmer und marginalisierter als die sunnitische Mehrheit sind, das Regime unterstützte und ihm sogar in der brutalen Unterdrückung der revoltierenden Masse behilflich war. Dies wurde von den fundamentalistischen Einpeitschern als "Beweis" für den "tatsächlichen Religionskrieg" zwischen Sunniten und Alawiten angeführt. Und damit konnten diese Leute in ihrer Rolle als muslimische Gelehrte und Sektierer behaupten, die wahren Sunniten zu sein.

Tatsächlich errichteten sie ihre spirituelle und moralische Autorität vor ihrer materiellen. Dann kam die finanzielle Unterstützung durch die Herrscher vom Golf. Nun schwindet die Möglichkeit für einen wirklichen Kampf des Volkes rasch; Syrien wird heute von Waffen regiert; und nur diejenigen, welche sie besitzen, können über seine Gegenwart und Zukunft bestimmen. Und das trifft lediglich auf Assads Regime und die islamische Opposition zu.

Überall im arabischen Raum schmelzen die grossen Hoffnungen, die mit dem Arabischen Frühling verbunden waren, rapide dahin. Die Islamisten schienen als einzige voll und ganz von den mutigen Kämpfen der Massen profitieren zu können. Und somit gelang es ihnen ohne starke Gegenwehr, das Fundament ihrer fanatischen Herrschaft zu legen.

Ich fühle mich gleich wie Emma Goldman 1922, als sie mit den Bolschewiki brach und alle Illusionen über deren Herrschaft aufgab. Tatsächlich weisen die Islamisten in der muslimischen Welt heute starke Ähnlichkeiten mit den Bolschewiki auf. Lange Zeit durch die jeweiligen Diktatoren unterdrückt, doch vom Westen und den arabischen Massen gefürchtet, können sie sich heute als die wahre Avantgarde der Opposition in Szene setzen. Zudem verfügen sie über eine ähnlich effektive Propagandamaschine, wie sie schon die Bolschewiki einst hatten. Schliesslich teilen sie mit ihnen ihr autoritäres und aggressives Gehabe. So scheint es rational, dass die arabischen Völker sich entschieden haben, sie gewähren zu lassen. Wie die russischen Arbeiter und Bauern 1917 hofften sie, dass die neuen Führer tatsächlich eine bessere Gesellschaft schaffen könnten.

Emma erwachte sehr schnell aus diesem Traum, die Massen hingegen brauchten so lange, um die Wahrheit zu erblicken. Doch wie Emma betone auch ich: Die Massen hatten jeden Grund, sich zu erheben und ihre schlechte Realität zu ändern. Der grosse "Fehler", wenn er überhaupt als Fehler bezeichnet werden kann, wurde von den autoritären Kräften begangen, als sie versuchten, die Revolution zu kapern. Wir unterstützen noch immer die Revolution, aber nicht ihre falschen "Führer".

Die libertäre Alternative aufbauen: Anarchistische Propaganda und Organisation

Die andere Sache, die für uns arabische Anarchisten und Massen so wichtig ist, besteht in der Frage, wie man eine libertäre Alternative entwickeln kann. D.h., wie eine effektive anarchistische oder libertäre Propaganda aufgezogen und Organisationen aufgebauen werden können.

Ich habe nie zuvor versucht, jemanden vom Anarchismus zu überzeugen. Ich trat immer für einen freien Dialog zwischen "Gleichen" ein. Ich habe nie behauptet, dass ich alles wisse oder dass ein Anarchist oder ein anderes menschliches Wesen beanspruchen kann, der „Führer“ von anderen zu sein, dass jemand es verdient, Papst, Imam oder Generalsekretär einer stalinistischen oder leninistischen Partei zu sein. Ich dachte immer, dass der Versuch, jemanden zu beeinflussen, bloss ein anderer Weg ist, Macht über sie oder ihn auszuüben. Aber jetzt sehe ich die Sache von einer anderen Perspektive: Es geht nun voll und ganz darum, anarchistisches Gedankengut all denjenigen bekannt zu machen, die gegen die sie unterdrückenden Herrschaftsstrukturen kämpfen; seien es Arbeiterinnen, Arbeitslose, Studentinnen, Feministen, die Jugend, ethnische oder religiöse Minderheiten etc. Es geht um die Errichtung eines Beispiels eines neuen freien Lebens im Rahmen einer freien oder libertären Organisation; nicht nur als lebende Manifestation seiner Realisierbarkeit; sondern auch als ein MITTEL zum Erreichen dieser Gesellschaft. Wir müssen Anarchismus all den Sklaven und Opfern repressiver Systeme bekannt machen. Eine EFFEKTIVE ANARCHISTISCHE PROPAGANDA ist, wie ich denke, das erste Ziel solcher Organisationen.

Kurz, wir sind Zeugen des Bankrottes der "säkularen" autoritären Trends (das umfasst auch die nationalistischen, panarabischen, stalinistischen und anderen leninistischen Experimente). Die zukünftige Alternative sollte daher eine libertäre sein.

Selbstverständlich kann der Anarchismus nicht künstlich gepflanzt werden, sondern muss ein "organisches" Produkt der Kämpfe der lokalen Bevölkerung sein. Dennoch will er gut umsorgt und richtig hervorgehoben werden. Das ist das Ziel unserer Propaganda. Es wird trotzdem kein "Zentrum" in unserer Organisation geben und keine Bürokratie, was aber nicht heisst, dass sie nicht genauso effektiv sein kann wie ihr autoritärer Gegenpart.

Noch ist unser Stalin oder Bonaparte nicht an der Macht, noch haben die syrischen Massen die Möglichkeit, für ein besseres Ergebnis als dasjenige der Russischen Revolution zu sorgen. Es ist wahr, das dies fast von Minute zu Minute schwieriger wird, aber die Revolution selbst war ein Wunder, und auf dieser Erde können die Unterdrückten von Zeit zu Zeit ihre Wunder schaffen. Auch in dieser Zeit setzen wir syrische Anarchisten alles auf die Massen. Es kann nicht anders gehen, oder wir sind unserem libertären Namen nicht würdig.

Ende Oktober 2012

 

Der syrische Arzt und Anarchist Mazen Kamalmaz kehrte im Sommer in sein Heimatland zurück, um sich dem Aufstand anzuschliessen. Er ist regelmässiger Autor für Anarkismo und andere libertäre Medien.

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* Ich will hier etwas mehr ins Detail gehen. Als Anarchist war es für mich wahrlich nicht leicht, unter Dschihadisten zu leben. Als Arzt hingegen war es für mich vom ersten Moment, wo ich das Frontspital betrat, in dem ich fortan arbeiten sollte, klar, dass ich jedeN ungeachtet seiner politischen oder religiösen Ansichten behandeln werde, der oder die meine Hilfe benötigt, und dass niemand innerhalb dieses Spital misshandelt werden sollte, selbst wenn es sich um einen Angehörigen von Assads Armee handeln sollte. Ich möchte hier nochmals betonen, dass mein Problem - und ich denke auch das von allen Unterdrückten - nicht Gott ist, sondern Menschen, die so autoritär sind, dass sie sich als Götter geben. Es spielt keine Rolle, ob es sich dabei um säkulare Diktatoren wie Assad oder islamische Imame etc.handelt. Gott selbst ist nie so gefährlich wie die, welche in seinem Namen sprechen.