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Gwangju 1980: Eine Richtschnur des urbanen Aufstandes

Zwei Texte zur Kommune von Gwangju, Südkorea

 

Gwangju, 30 Jahre danach: Eine Richtschnur des urbanen Aufstandes

Der folgende Artikel, vor fast einem Jahrzehnt verfasst, ist eine kurze Nacherzählung der Erhebung in der südkoreanischen Stadt Gwangju im Mai 1980, bei der die bewaffnete Bevölkerung das Militär besiegte und für einige Tage eine revolutionäre Kommune errichten konnte. Nach der Ermordung des Diktators Park Chung-hee im Oktober 1979 ging die eigentliche Macht an eine Gruppe von Offizieren unter der Führung von Chun Doo-hwan über, welche ihren Einfluss durch einen Militärschlag gegen die offizielle Übergangsregierung am 12. Dezember 1979 konsolidieren konnte. Zu Beginn des Jahres 1980 nahmen sich Hunderttausende die Strassen, um der brutalen Repression und dem Ausnahmezustand den Kampf anzusagen, neue Wahlen und den Fall der Diktatur zu fordern. Auf dem Höhepunkt dieser Auseinandersetzungen wurden aus der Mitte der Aufständischen auch revolutionäre Visionen geäussert.

Die Radikalität der Proteste lassen sich aus den Worten des damals obersten Armeekommandeurs der USA in Südkorea heraushören, von General John Adams Wickham, der sagte, dass die Proteste der StudentInnen und die Agitation der ArbeiterInnen in allen grossen Städten „drohen, in massive und gewalttätige Proteste, oder sogar in die Anarchie abzugleiten“ („Korea on the Brink“, Ed. National Defense University Press, 1999, p. 127).

Gwangju war eine Stadt mit 750'000 EinwohnerInnen; am 18. Mai beteiligten sich mehr als 150'000 Personen an diversen Demonstrationen, um gegen den Ausnahmezustand zu protestieren und die Freilassung von 2'000 linken politischen Gefangenen zu fordern, die in den vorangegangenen Tagen, besonders am 17. Mai, verhaftet worden waren. Die StudentInnen stellten sich zusammen mit den ArbeiterInnen der Repression entgegen, und es gelang ihnen, Waffenlager der Armee zu plündern (wobei sie in den Besitz von 5'000 Schusswaffen, mehreren Hunderttausend Schuss Munition, Sprengstoff und Granaten gelangten) und das Militär zum Rückzug zu zwingen. In den folgenden Tagen unternahm die Diktatur von Chun den parodistisch anmutenden Versuch von Verhandlungen, um die Aufständischen zu spalten und so wieder Herr der Lage zu werden. Die Kommune wurde am 27. Mai besiegt, als die Diktatur mit Hilfe der USA 12'000 Soldaten und Spezialkräfte entsandte, um die revoltierenden EinwohnerInnen von Gwangju zu unterwerfen. Das Massaker, das sie dabei begingen, kostete weitere 1'000 bis 2'000 Menschenleben.

Heute haben sich die „demokratischen“ Regierungen Südkoreas der Aufgabe verschrieben, die revolutionäre Kommune von Gwangju als blosse „pro-demokratische“ Bewegung zu interpretieren. Doch schon der kleinste Rückblick auf Körperschaften der vereinigten revoltierenden Bevölkerung, wie die spontane Selbstorganisierung, widerlegt solche Versuche. Der folgende Artikel postuliert, dass die Ereignisse der Tage nach dem 18. Mai in Korea bislang einmalig waren. Mit dieser Behauptung sind wir nicht einverstanden. Wir sehen in den Geschehnissen zwischen dem 18. und 27. Mai nichts anderes als die Wiederauferstehung des revolutionären Geistes, der sich nach dem Ende des japanischen Kolonialismus im August 1945 in Korea ausbreitete und in allen Teilen des Landes zur Gründung von zahlreichen proletarischen Komitees als effektive Organismen der Selbstverwaltung führten. Diese genuinen Ausdrücke direkter und sozialistischer Demokratie wurden im Norden (der in der sowjetischen Besatzungszone lag) vereinnahmt und im Süden (im Militärbereich der USA) auf brutale Art zerschlagen. Doch die Tradition ist, wie Gwangju beweist, noch lange nicht tot und wird zum passenden Zeitpunkt von der koreanischen Bevölkerung wieder aufgenommen – so geschehen an diesem 18. Mai vor 30 Jahren.

Der folgende Artikel ist ursprünglich auf Englisch erschienen. Die Wiederveröffentlichung soll dazu dienen, dieses wichtige revolutionäre Ereignis einem grösseren Kreis bekannt zu machen. Sie erscheint als Teil einer Artikelserie über die Geschichte und Gegenwart Koreas anlässlich des Beginns des Koreakriegs vor 60 Jahren, die in spanischer Sprache auf anarkismo.net veröffentlicht wird.

José Antonio Gutiérrez D.
12. Januar 2011

[Text im spanischen Original auf http://anarkismo.net/article/18500 ]

 

Gwangju, 20 Jahre danach: Eine Richtschnur des urbanen Aufstandes

Am 18. Mai 1980 geschah eines der wichtigsten Ereignisse in der Geschichte Asiens, von dem ihr fast sicher noch nie etwas gehört habt.

Die lange Tradition der USA, Diktatoren in Südkorea einzusetzen, ging nach hinten los, als 1979 der langjährige Diktator Park Chung-Hee auf unerklärliche Weise durch den Leiter des südkoreanischen Nachrichtendienstes umgebracht wurde. Die dadurch bedrängte Regierung Carter musste sich im darauf folgenden Chaos wohl oder übel mit dem neuen Herrscher Chun Doo-hwan anfreunden.

Doch die koreanische Bevölkerung tat dies nicht.

Jahrzehnte der Diktatur prägten ein bestimmtes Muster in der koreanischen Politik. GewerkschafterInnen, StudentInnen und ganz gewöhnliche Leute gehen auf die Strasse, das Militär und die Polizei rücken an und schlagen ein paar Köpfe ein, und die Leute, die sklavenähnlichen Bedingungen in den Fabriken akzeptierend, melden sich am nächsten Tag wieder bei der Arbeit. Die Wirtschaft Südkoreas stand vor einem steilen Aufstieg, und so etwas Lästiges wie Demokratie durfte dabei nicht im Wege stehen.

Im Mai 1980 allerdings gaben die StudentInnen in der im Süden des Landes gelegenen Stadt Gwangju nicht einfach so auf. Tränengas, knüppelschwingende Bullen und Gummigeschosse füllten die Strassen. Es wurde so viel Tränengas in der Stadt versprüht, das die Bäume ihre Blätter verloren. Aber die Proteste blieben heftig, und auch ArbeiterInnen, LadenbesitzerInnen und Eltern gingen nun auf die Strasse, um ihre Kinder zu beschützen. Das Militär eröffnete das Feuer, tötete Dutzende und schlug Hunderte mehr.

Ein riesiges politisches Chaos und die Gewalt der Regierung schufen bald eine neue Bewegung. StudentenführerInnen und FabrikarbeiterInnen organisierten sich nicht nur zur Selbstverteidigung, sondern auch, um sich ihre Stadt zurückzuerobern. Dank der stark militarisierten Wirtschaft waren an den meisten Arbeitsplätzen in Südkorea Waffenschränke vorhanden. Die DemonstrantInnen plünderten sie und schlossen sich zu bewaffneten Milizen zusammen. Busse, Taxis und sogar kugelsichere Limousinen wurden requiriert. Beim Bezirksgebäude von Gwangju kam es schliesslich zu einer massiven Schlacht zwischen den EinwohnerInnen und der südkoreanischen Nationalarmee. Am Ende zog sich das Militär zurück.

Die folgenden fünf Tage waren bislang einmalig in der Geschichte Koreas. Anstatt zu handeln, teilten die Leute. Mahlzeiten für Hunderte Personen wurden gekocht und ausgegeben. Motorfahrzeuge wurden zur Verfügung gestellt, um die Stadt zu schützen, ein neues Distributionssystem, das weder von Staat noch Kapital abhängig war, zu realisieren und die verwesenden Körper der Gefallenen zur Identifikation durch die frühlingshaften Strassen zu transportieren. Ihr fragt euch, was Kommunismus oder Anarchismus ist? Hier habt ihr sie!

Es tat sich ein Graben auf zwischen der älteren, konservativeren Generation, die sich der Waffen entledigen und mit der Regierung Chun zusammenarbeiten wollte, und den radikalen StudentInnen und ArbeiterInnen, die die revolutionäre Stimmung auf andere Städte zu übertragen gedachten. Doch sie alle waren sich in einer Sache einig: Das Massaker und ihr Sieg werden die USA bestimmt davon überzeugen, zu ihrer Hilfe zu eilen. Doch die Vereinigten Staaten, die mit Südkorea militärisch eng zusammenarbeiten, und die Millionen Dollars dafür ausgegeben haben, eine Spezialeinheit, die „Black Berets“, auszubilden, gaben der Regierung grünes Licht, Truppen entlang der demilitarisierten Zone abzuziehen, um Gwangju zurückzuerobern. Fallschirmjäger stürmten die Stadt in der „Operation faszinierender Frühling“.

Dank der teilweisen Entwaffnung der Milizen von Gwangju fand ein weiteres Massaker statt, das prompt von der US-amerikanischen Regierung verleugnet wurde. Auch zwanzig Jahre später noch schwimmen mitunter die Knochen der RebellInnen von Gwangju im dreckigen Wasser, wenn es in den Wäldern ausserhalb der Stadt regnet.

Der Aufstand von Gwangju hatte enorme Auswirkungen. Die dabei gewonnenen Erfahrungen wurden sowohl auf dem Tianamen-Platz 1989 als auch in Indonesien 1999 weitergereicht. 1987 brach die „Volksmacht“-Bewegung endlich die Herrschaft des Militärs. 1996 wurde Chun Doo-hwan zum Tode verurteilt, doch später durch Kim Dae-jung, ein politischer Gefangener während den Ereignissen in Gwangju und zur Zeit Präsident von Südkorea, begnadigt.

Heute ist die Demokratie in Südkorea erwachsen geworden, doch selbst ein ehemaliger Dissident wie Kim Dae-jung weiss, dass die Strassen offen sein müssen. Die Bevölkerung in die Schranken weisend, verliess auch er sich auf Truppen, um Streiks und Proteste gewaltsam aufzulösen. So verbot er dem Gewerkschaftsbund KCTU, das 20-jährige Jubiläum des Aufstands in Kwangju zu feiern.

Sie sollen sich ja keine Illusionen machen!

[Text im englischen Original auf http://old.disinfo.com/archive/pages/dossier/id353/pg1/index.html ]