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>> Anarchistischer Kongress in Berlin

10.-13. April 2009, www.akongress.org

Unter dem Motto Anarchismus im 21. Jahrhundert. Anarchie organisieren veranstalten die Anarchistische Förderation Berlin und Freund_innen an Ostern 2009 einen anarchistischen Kongress in Berlin. Zum viertägigen Kongress sind verschiedene Referierende sowie internationale und lokale anarchistische Gruppen und Organisationen eingeladen zu diskutieren, sich auszutauschen und zu vernetzen sowie neue Ideen und Ansätze für den Anarchismus zu entwickeln. Es würde uns große Freude bereiten, euch dabei zuhaben. Bitte leitet diese Einladung auch an mögliche Interessierte weiter. Die Teilnahme am Kongress ist frei, unverbindlich und kostenlos.

Anarchismus im 21. Jahrhundert
Der Anarchismus brachte eine erhebliche Menge theoretischer Arbeiten, neuer Strömungen, breit wahrgenommener Aktionen und Impulse für Kunst und Kultur hervor. Welche Rolle spielt der Anarchismus heute? Thematisiert er bestehende Herrschaftsverhältnisse, bietet er Analysen und Lösungen dafür an? Welche neuen Ansätze bietet er und wie verarbeitet er die neuen Impulse und Erkenntnisse der Forschung? Beziehen sich Protagonist_innen zeitgenössischer wissenschaftlicher Diskurse und lokale Bewegungen auf den Anarchismus oder ist er nur eine belanglose Szene ohne jeden Rückhall? Welche Struktur hat die anarchistische Szene zur Zeit global, welche Angebote macht sie und wird sie in absehbarer Zeit wieder zur Bewegung werden?

Anarchie organisieren
Die Geschichte des Anarchismus hat eine Fülle unterschiedlicher Strukturen hervorgebracht, darunter unterschiedliche Interpretationen des anarchistischen Modells der Föderation, die Organisation in Gewerkschaften und Parteien bis hin zur Organisierung in temporären autonomen Zonen, kleinen Projekten und autonomen Affinity-Groups. Welche Form bietet welche Vorteile und ist mit welchen Risiken verbunden? Der Kongress wird auch die Möglichkeit bieten, Erfahrungen und Arbeitsweisen einzelner anarchistischer Zusammenhänge, Projekte, Gruppen und Föderationen kennenzulernen, sich darüber auszutauschen und Verbindungen zu knüpfen.

Der anarchistische Kongress findet vom 10. – 13. April 2009, zu Ostern, in Berlin statt. Räume und Schlafplätze werden organisiert und die genauen Orte kurzfristig bekanntgegeben. Neben vorbereiteten Beiträgen und Workshops wird parallel ein Open Space durchgeführt. Der Fortschritt kann im frei bearbeitbaren Wiki unter www.akongress.org verfolgt werden. Für Anmeldungen bitte an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! Diese E-Mail Adresse ist gegen Spam Bots geschützt, du musst JavaScript aktivieren, damit du sie sehen kannst mailen.

Die hetzerische BZ (Berliner Zeitung) zum A-Kongress:

Chaoten planen TU-Kongress

08. April 2009 19.45 Uhr, Thore Schröder Konstantin Marrach

An Ostern veranstalten Links-Radikale an der TU einen Kongress. Thema: eine Gesellschaft ohne Regeln.

Auf dem Seminarplan stehen „Hausbesetzung – Wie geht das?“ und „Anarchie und Sex“. Über die Osterfeiertage (Freitag bis Montag) soll an der TU der „Anarchistische Kongress“ stattfinden. Das Ziel der Teilnehmer: „Eine neue, herrschaftsfreie Gesellschaftsordnung schaffen“.

Die 9 absurdesten Seminare auf dem Anarcho-Kongress

  • „Hausbesetzung – wie geht das"?
  • „Autonome Rauschposition"
  • „Die 5-Stunden-Woche"
  • „Anarchie und Sex"
  • „Anarchismus und Revolte"
  • „Eine anarchistisch organisierte Vereinssatzung"
  • „Beitragen statt Tauschen"
  • „Unsichtbares Theater"
  • „Anti Wahl Kampagne"

Organisator der Veranstaltung ist die Anarchistische Föderation. Ein Sprecher der Vereinigung zur : „In Zeiten der Finanzkrise müssen wir neue Strukturen diskutieren.“ 500 Teilnehmer werden erwartet. Zu einer Gewalt-Eskalation soll es dabei nicht kommen. Der Sprecher: „Was zurzeit auf den Straßen Berlins stattfindet, brennende Autos, eingeschmissene Scheiben, begrüße ich nicht, lehne ich aber auch nicht ab. Wir haben mit den Übergriffen nichts zu tun.“

Verfassungsschutz-Sprecherin Isabelle Kalbitzer: „Uns ist die Veranstaltung bekannt. Wir werden im Internet mögliche Aufrufe intensiv verfolgen.“

Mitorganisator des Kongresses ist der Asta (Allgemeiner Studierenden Ausschuss). Das linke Gremium soll bereits in der Vergangenheit für Randale im Universitätsgebäude gesorgt haben. Ein TU-Pförtner zur B.Z.: „Die haben ausschweifend gefeiert, Feuerlöscher leer gemacht. Die Polizei musste mehrmals anrücken.“

In einem achtseitigen Programmheft des Kongresses findet sich neben den Tagesordnungspunkten (siehe Liste) auch folgender Vermerk: „Wenn ihr festgenommen werdet oder Festnahmen beobachtet, kontaktiert den Ermittlungsausschuss.“ Beim Thema Hausbesetzung soll es um „handwerkliche Tipps und Tricks“ und „Aspekte der Vorarbeit“ gehen.

CDU-Innenexperte Robbin Juhnke: „Hier wird quasi zur Begehung von Straftaten aufgerufen, das kann und darf eine freiheitlich-demokratische Gesellschaft nicht hinnehmen.“ Auch viele Studierende sind dagegen. „Krass, dass unsere Uni für so was Räume zur Verfügung stellt“, so Student Thomas Schulze (23).

Die B.Z. konfrontierte die TU-Leitung, die nicht informiert war, mit den Anarcho-Plänen. Am Abend erklärte eine Sprecherin: „Die Veranstaltung wurde von dem Asta ohne unsere Genehmigung geplant. Wir werden versuchen, den Kongress zu unterbinden.“

Kenneth Frisse, Sprecher von Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) sagte: „Wir begrüßen diese Entscheidung der TU.“


Anarchistischer Kongress Plan-B

363 10.04.2009 04:16 Themen: Kultur Repression
Der Anarchistische Kongress findet selbstverständlich statt und war auch nie gefährdet. Das einzige was sich verändert hat ist der Ort der Zusammenkunft. Leider wurde von verschiedenen Seiten interveniert, was die Leitung der Technischen Universität zu Berlin veranlasst hat, die zugesagten Räumlichkeiten nicht zur Verfügung zu stellen. Aber gerade wenn Anarchisten, Autonome und andere Freie sich treffen ist Selbstorganisation kein Fremdwort und wird praktiziert.
Der neue Infopunkt befindet sich im New Yorck im Bethanien (Lageplan und Anfahrt http://yorck.plentyfact.net/node/38) am Mariannenplatz 2 in Berlin. Das Infotelefon für den Anarchistischen Kongress ist erreichbar unter 0178 631 5147. Weitere Informationen werden im Laufe des heutigen Tages auf der Kongress-Hompage zu finden sein http://akongress.org und/oder als Kommentar unter diesem Artikel veröffentlicht (bitte nur hier, wegen der besseren Übersichtlich- und Auffindbarkait).

Am gestrigen Donnerstags sind mehrere kurze Artikel im Open Posting von Indymedia veröffentlicht worden. Vermutlich sollte der ein oder andere, insbesondere der Kommentare, zur Desinformation beitragen. Besonders kritisch ist folgender Kommentar zu betrachten:

"SPONTANDEMO!
micha 09.04.2009 - 17:45
19 Uhr Sponti vor Springer-Hochhaus!"

Das war eine völlig falsche Meldung. Vermutlich wurde hier versucht, Menschen heraus- oder heranzulocken, um einen "Chaoten-Vorfall" zu produzieren. Ich gelange zu diesem Ergebnis, weil mir zugetragen wurde, dass sich in diesem Bereich Zivilfahnder aufhielten und nicht nur dort.

Um weiteren Spekulationen den Nährboden zu entziehen, setze ich mich dafür ein, dass keine weiteren Ortsangaben, jenseits des genannten Infopunktes, im Netz veröffentlicht werden. Wer am Anarchistischen Kongress teilnehmen möchte, den möchte ich daher bitten sich am Infopunkt zu informieren oder das Infotelefon zu nutzen.

Pressespiegel - Stand Fr. 10. April 04:00 CET

Chaoten planen TU-Kongress
http://www.bz-berlin.de/aktuell/berlin/chaoten-wollen-anarchie-lernen-article421244.html
Anarchie Aktuell
http://www.taz.de/regional/berlin/aktuell/artikel/?dig=2009%2F04%2F08%2Fa0148&cHash=a2ead2a919
Interview: Für mich heißt Anarchismus auch Antikapitalismus
http://jungle-world.com/artikel/2009/15/33933.html
Linksextremisten planen Kongreß an Berliner Universität
http://www.jungefreiheit.de/Single-News-Display.154+M5820e96a5cf.0.html
Pressemitteilung AStA TU Berlin
http://asta.tu-berlin.de/referate/offentlichkeit/pressemitteilungen/9-april-tu-prasidium-sagt-nach-bz-artikel-anarchismus-kongress-ab
weitere Infos über den Kongress und die Themen
http://akongress.org

Stellungnahme zum Konflikt am A-Kongress in Berlin

Am Sonntag, den 12. April 2009, wurde der Anarchistische Kongress in Berlin vorzeitig aufgelöst, weil die Organisationsgruppe sich nicht mehr in der Lage sah, einen antisexistischen Schutzraum zu gewährleisten. Die folgenden Diskussionen reduzierten das Problem meist darauf, dass sich eine kleine Gruppe von Leuten am Kongress ausgezogen hatte, und viele meinten, sich daher über "prüde AnarchistInnen" und "hysterische Frauen" lustig machen zu können. Dies verkennt das eigentliche Problem völlig. Es wird dabei nicht reflektiert, was auf dem Kongress passierte. Den Konflikt auf einen Streit um Nacktheit in anarchistischen Kreisen zu reduzieren, ist eine Karikatur dessen, was vor sich ging. Ich hoffe, mit dieser Stellungnahme einen Beitrag zu etwas mehr Klarheit leisten zu können.

Vorneweg: Ich persönlich habe überhaupt nichts dagegen, wenn Leute nackt sein wollen – auf einem Anarchistischen Kongress, im Strandbad oder am Ku'damm. Leute können auch mit so vielen anderen Leuten vögeln, wie sie wollen. Auch habe ich nichts gegen die graphische Darstellung sexueller Aktivität, ob wir das jetzt Porno nennen oder nicht. Die Gruppe Fuck For Forest als solche interessiert mich herzlich wenig und ich habe keine Lust, mir ihre Website runterzuladen und die Photos und Videos zu begutachten, die es dort zu sehen gibt. Mit anderen Worten: Es geht mir weder um eine Nacktheitsdebatte noch um Polyamory-Debatte noch um eine Porno-Debatte noch um Fuck For Forest. Ich will nur davon sprechen, was ich auf dem Kongress erlebt habe.

Der Konflikt begann am Samstagabend in Zusammenhang mit einem "Anarchie und Sex"-Workshop. Ich erlebte nur den Anfang dieses Workshops, unter anderem deshalb, weil ich die Selbstpräsentation von Fuck For Forest (die diesen Workshop offenbar zur Vorstellung ihres Projekts nutzen wollten) ausgesprochen platt fand. Ein Mann – mit einer Frau an seiner Seite, die nichts sagte und deren Rolle nicht ganz klar war – schwärmte da von den befreienden Wundern der Nacktheit, des öffentlichen Vögelns und der Promiskuität, so als wären die späten 60er Jahre gerade neu erfunden worden. Es schien, als hätte es seither weder eine Reihe von Erfahrungen noch eine Reihe kritischer Auseinandersetzungen mit diesen Konzepten im Rahmen progressiver, emanzipatorischer Politik gegeben. Es wunderte mich, dass gut zwei Drittel des Publikums diese Selbstinszenierung beklatschten (und zum Teil bejubelten), zumal es offensichtlich war, dass der Mann von seiner Erleuchtung und Befreiung in einer Art und Weise überzeugt war, die bei anarchistisch sensibilisierten Menschen eigentlich Skepsis erregen sollte. Zudem hatte die Show einen deutlich heteronormativen Charakter. Aber gut. Ich dachte an diesem Punkt einfach "komisch" und ging.

Damit versäumte ich auch den Eklat, zu dem es später bei der Diskussion kam. Ich muss mich daher auf die Berichte von GenossInnen verlassen, denen ich Vertrauen schenke. Diesen Berichten zufolge zogen sich die Handvoll Leute von Fuck For Forest irgendwann aus. Einige Frauen meldeten daraufhin Bedenken an und meinten, sie würden sich in der Nähe der nackten Fuck-For-Forest-Männer nicht wohl fühlen. Ich weiß nicht genau, wie diese Bedenken formuliert wurden, und das spielt wohl eine gewisse Rolle. Nichtsdestotrotz scheinen alle Anwesenden darin übereinzustimmen, dass einer der Männer eine Diskutantin fragte, ob sie "etwa eine dieser Hardcore-Lesben" sei. Als mir dies erzählt wurde, war meine spontane Reaktion Unverständnis darüber, warum der Typ nicht sofort rausflog. (Wobei ich verstehe, dass es oft schwierig ist, mit solch unerwarteten Idiotien spontan umzugehen, und ich hätte auch kaum die Initiative ergriffen – aber das war mein erster Gedanke.) Der Grund ist, dass es sich hier eindeutig um die Überschreitung einer Grenze dessen handelt, was in einem sich als egalitär und solidarisch verstehenden Raum okay ist und was nicht.

Die Behauptung, dass es sich um einen Widerspruch handeln würde, wenn bei einem anarchistischen Treffen Leute rausfliegen, weil Anarchie doch heißt, dass Leute tun und lassen können, was sie wollen, ist Quatsch. Anarchie – als Herrschaftslosigkeit – kann nur funktionieren, wenn das Konzept individueller Freiheit von jenem der individuellen Verantwortung begleitet wird. Wenn Letzteres unter den Tisch fällt, wird "individuelle Freiheit" zum Feigenblatt für bürgerlichen Egoismus, kapitalistische Habgier oder (wie in diesem Fall) respektloses und selbstzentriertes Verhalten. Das war das Problem – nicht die Nacktheit.

Dazu ein Exkurs: In San Francisco gibt es eine Gruppe von linken NudistInnen, die auf Pride-Events genauso auftauchen wie auf Antikriegsdemos oder auf der Anarchistischen Buchmesse. Ich habe dabei nie erlebt, dass das in irgendeiner Form ein Problem war. Der Grund scheint zu sein, dass die politischen Überzeugungen der Gruppe klar sind und dass sich die Angehörigen der Gruppe anderen GenossInnen gegenüber respektvoll verhalten. Ich würde mir denken (und wünschen!), dass es für eine solche Gruppe auch auf dem Berliner Kongress Platz gegeben hätte. Auch wenn die Nacktheit der Leute bei einigen Kongress-TeilnehmerInnen Unbehagen ausgelöst hätte (das kann ich nicht beurteilen), würde ich davon ausgehen, dass es in einem respektvollen gegenseitigen Austausch zu einer Lösung gekommen wäre, welche die Bedürfnisse aller berücksichtigt und für alle Raum geschaffen hätte.

Die Fuck-For-Forest-Leute waren an einem solchen respektvollen gegenseitigen Austausch bzw. an einer entsprechenden Lösung nicht im Geringsten interessiert. Es wirkte niemals so, als kämen sie – wie die NudistInnen in San Francisco – als GenossInnen zu einem anarchistischen Ereignis. Sie schienen an den politischen Dimensionen des Kongresses oder an den Debatten darüber, was Anarchismus bedeutet, in keiner Weise interessiert. Zumindest am Sonntag waren sie da, um – und das ist von mir selbst aufgeschnappter Originalton – "der Szene zu zeigen, wie bescheuert sie ist". Dass es auf der Basis einer solchen Einstellung schwierig ist, zu einvernehmlichen Lösungen zu kommen, versteht sich von selbst. So war ich am Sonntagnachmittag auch Zeuge, als ein Mitglied der Organisationsgruppe den Leuten von Fuck For Forest anbot, sich in einem bestimmten Bereich des Geländes nackt aufzuhalten, das von den Workshops entfernt lag. Dieser Vorschlag wurde von Fuck For Forest noch nicht einmal aufgegriffen.

Es ist in diesem Zusammenhang auch wichtig zu betonen, dass Nackt-Sein tatsächlich nicht gleich Nackt-Sein ist. In Online-Kommentaren meinten einige Leute, sich über einen Artikel lustig machen zu müssen, in dem stand, dass das Problem nicht war, "dass die Leute nackt waren, sondern wie sie es waren". Es gibt keinen Grund, sich hier über irgendetwas lustig zu machen. Gerade hinsichtlich dessen, was auf dem Kongress passierte, trifft die Aussage den Nagel auf den Kopf. Zur Illustration der unterschiedlichen Dimensionen, die Nackt-Sein annehmen kann, sollte der Vergleich zwischen einem nackten Sonnenbad auf dem eigenen Balkon und dem Exhibitionieren in einem öffentlichen Fahrstuhl reichen. Dies sind natürlich zwei Extreme, doch zeigen sie die Bandbreite der möglichen Bedeutungen von Nackt-Sein in unserer Gesellschaft auf.

Wie gesagt, ich war am Samstagabend, als es zu dem Eklat beim "Anarchie und Sex"-Workshop kam, nicht anwesend. Doch denke ich, dass alleine der Eindruck, den ich von dem Auftaktsauftritt von Fuck For Forest gewonnen hatte, ausreicht, um deren demonstrative Entkleidung mit Haltungen verbunden zu sehen, die auf egalitär-solidarischen Veranstaltungen nichts verloren haben: Selbstgerechtigkeit ("Wir sind befreit – ihr seid verklemmt!"), Aggressivität ("Wenn dir was daran nicht passt, ist das nicht mein Problem!") und sexuelle Aufdringlichkeit (schließlich meinte der Typ am Ende seines anfänglichen Vielvögellobgesanges ja ausdrücklich, dass er heute Abend auf "nette Mädels" aus dem Publikum hoffe). In diesem Zusammenhang scheint es mehr als verständlich, dass einigen Personen die Nähe nackter Fuck-For-Forest-Leute unangenehm war.

Um es noch einmal etwas akademischer zu formulieren: Der Kontext, in dem es zur Nacktheit der Fuck-For-Forest-Leute kam, kann nicht von der heteronormativen Realität getrennt werden, in der wir leben: die Schnittpunkte von geschlechtlichen Machtverhältnissen, körperlicher Intimität und Sexualität können nicht nur Unbehagen sondern auch Angst hervorrufen und Traumata aktivieren. Das muss allen verständlich sein. Um "Nackt-Sein" (als solches) geht es hier nicht.

Doch ist intellektuelle Einsicht hier noch nicht einmal das Entscheidende: Wir machen es uns ein bisschen zu einfach, wenn wir Solidarität mit Menschen, die sich in eine unbehagliche Position gedrängt oder gar angegriffen fühlen, nur dann zeigen, wenn diese Reaktionen für uns auch intellektuell nachvollziehbar sind. Das heißt, dass selbst jene Leute, denen die von den Frauen im Workshop angemeldeten Bedenken nicht unmittelbar verständlich waren, sich die Mühe hätten machen müssen zuzuhören und herauszufinden, worum es geht. Das ist solidarisches Verhalten unter GenossInnen. Alles andere ist das Projizieren eigener Normen auf andere und hat wenig mit Anarchismus zu tun.

Dass es in Zusammenhang mit einer Situation, die so gespannt und emotional aufgeladen war wie jene am Samstagabend auch noch dazu kommt, dass vor allem Männer Frauen ihre Empfindungen streitig machen, ist noch einmal ein eigenes – höchst bedauerliches – Kapitel. Letzten Endes wurde ein Bedürfnis (Nackt-Sein) über ein anderes (mit der Nacktheit der Fuck-For-Forest-Leuten unter den gegebenen Umständen nicht konfrontiert sein zu wollen) gestellt. Die Erklärung, dass das erstere Bedürfnis für Befreiung und Progressivität steht, während das letztere Zeugnis von Keuschheit und Wertkonservativismus ablegt, ist viel zu einfach. Es ist schlichtweg falsch, ein Unbehagen mit Nacktheit mit "bürgerlicher Prüderie" und "christlichem Dogmatismus" gleichzusetzen. Ein Konzept von Scham findet sich in praktisch allen Kulturen und zumindest die Geschlechtsteile wurden auch in praktisch allen Kulturen den größten Teil der Zeit verdeckt gehalten. Das heißt nicht, dass sich eine freie Gesellschaft nicht auch dadurch auszeichnen sollte, Menschen, die gerne nackt sind, das Nackt-Sein so oft es geht zu ermöglichen. Aber es heißt, dass gewisse Einschränkungen eines "Rechts auf Nacktheit" nicht nur christlich-bürgerlicher Tradition entstammen, sondern dass solchen Einschränkungen in praktisch allen Kulturen eine bestimmte gesellschaftliche Funktion zugeschrieben wurde. Dies führt uns wieder zu der trivialen Beobachtung, dass Nackt-Sein oft okay sein mag – aber manchmal eben nicht.

Nach wie vor bin ich der Meinung, dass das am Kongress entstandene Problem auf der Basis dieser Beobachtung auch hätte ausdiskutiert und für alle verträglich gelöst werden können. Doch statt gutem Willen gab es von Seite der Fuck-For-Forest-Leute sexistische Bemerkungen. Das war das eigentliche Problem.

Diesem zugrunde lag wohl auch, dass das Bedürfnis der Fuck-For-Forest-Leute, genau am Anarchistischen Kongress nackt zu sein, in Frage steht. Wie gesagt, sie schienen am Kongress selbst wenig interessiert und hätten wohl an vielen anderen Orten Berlins an diesem Wochenende nackt sein können (und das relativ problemlos). Es schien eher um Show und Selbstdarstellung als um Bedürfnisbefriedigung zu gehen. Ein weiterer Grund, warum den Schutzbedürfnisse, die einige Frauen am Workshop anmeldeten, einiges mehr an Gewicht hätten zukommen sollen.

Es ist schwierig zu sagen, was anders gemacht hätte werden sollen. Offensichtlich war niemand auf eine solche Situation vorbereitet. Wäre die Gruppe nach den sexistischen Bemerkungen am Samstagabend rausgeflogen, hätte der Schaden vielleicht noch in Grenzen gehalten werden können. Doch dazu kam es nicht. Schuld daran sind kollektive Dynamiken, keine Einzelnen, die für einen solchen Rauswurf zuständig gewesen wären.

Die Probleme am Sonntag hätten meines Erachtens auch nur durch einen unmittelbaren Rauswurf auf der Basis der samstäglichen Beleidigungen – nicht des Nackt-Seins – vermieden werden können. Doch auch dazu kam es nicht. In dem Moment, in dem die Gruppe sich nackt niederließ, war das Problem auch optisch darauf reduziert, "Nackte vom A-Kongress zu werfen", was genauso scheiße klingt wie es aussieht. Ich denke, an diesem Punkt war es Fuck For Forest gelungen, den Kongress zu sprengen. Zu welchem Grade auch diejenigen dafür verantwortlich zu machen sind, die sich auf ihre Seite schlugen, kann ich nicht sagen, da das Einzige, was mir persönlich an diesem Punkt noch sinnvoll schien, Fuck For Forest nicht die Aufmerksamkeit zu schenken, auf die sie offensichtlich aus waren. Ich ging daher zu einer Veranstaltung und erlebte den Rest der Debatte nicht mehr mit.

Was die Entscheidung der Organisationsgruppe betrifft, den Kongress aufgrund der zunehmend geringer werdenden Handlungsspielräume aufzulösen, so ist mir das absolut verständlich. Selbstverwaltete Räume sind auf die Einhaltung gewisser Kommunikationsstandards angewiesen und wenn diese kategorisch verletzt werden, sind die Bedingungen für respektvolles und solidarisches Zusammensein nicht mehr gegeben.

Die Geschichte markierte das traurige Ende eines ansonsten in vielerlei Hinsicht erfreulichen Kongresses. Was zu tun bleibt, ist sicherzustellen, dass dieses Ende nicht als Märchen von einer Horde prüder AnarchistInnen in die Geschichte eingeht, die unschuldige nackte Elfen vom Kongressgelände treiben wollte.

 

Gabriel Kuhn


Kontext rules. Zu den (hetero)-sexistischen Vorfällen während des A-Kongresses in Berlin von einer Teilnehmerin des Kongresses

Während des Anarchie-Kongresses 2009 in Berlin kam es zu Auseinandersetzung rund um das Thema Sexismus/Grenzüberschreitung/Heteronormativismus. Anlass war ein Workshop – Anarchie und Sex – auf dem bereits zu Beginn eine kleine Gruppe, fuckforforest, den Workshop zur Selbstdarstellung nutze und ihn so letztlich – mit breiter Zustimmung – dominierte. Um Diskussion ging es jedoch zu keiner Zeit, vielmehr schien die Gruppe gekommen zu sein, um zu provozieren und sich zu produzieren.

Es gelang nicht, diese raumeinnehmende Wortergreifungsstrategie abzuwenden. Viel zu spektakulär schien einem großen Teil des  Publikums der schließlich nackte Auftritt der fuckforforest Leute. Im Laufe dieser Veranstaltung kam es zu verschiedenen, als solche ausdrücklich benannten Grenzüberschreitungen und zu homophoben Beleidigungen durch Mitglieder von fuckforforest. Fünf Leute, die nicht bereit waren, Grenzen anderer zu respektieren, wären sicherlich nicht zu einem größeren Problem geworden. Aber die Gruppe schaffte es, etliche dutzend SympathisantInnen um sich zu ringen. Hier dürfte ein maßgebliches Problem liegen und vielleicht eine erste Antwort auf die berechtigte Frage, warum nach sexistischen Beleidigungen und Grenzüberschreitungen nicht direkt interveniert wurde. Zwangsläufig schließt sich die Frage an, warum auf einer anarchistischen Veranstaltung kein Minimalkonsens herrscht, auf homophobe Beleidigungen einen Rausschmiss folgen zu lassen.

Dass in der Reflexion des Ganzen u.a. von „friedlich-nackten Libertären und gewalttätig-autoritären Links-‚Anarchisten’“ geschrieben wird, dass die Debatte auf Nackt-Sein oder nicht reduziert wird, kennzeichnet die fehlende Bereitschaft, sich mit patriarchalen Herrschaftsmechanismen auseinanderzusetzen, geschweige denn mit feministischen Positionen dazu. Das Problem war nicht das Nackt-Sein der Leute. Diese Darstellung ist mehr als absurd. Das Problem war, dass Grenzen bewusst überschritten wurden, dass sexistische Anfeindungen stattfanden, dass gängige Geschlechternormen offensiv (re-)produziert wurden und dass eine Normierung sexueller Praktiken stattfand.

Ich werde mich im Folgenden nur auf einzelne problematische Punkte konzentrieren. Gabriel Kuhn nahm umfangreich zu diesen Vorfällen Stellung. Seinen Ausführungen stimme ich ausnahmslos zu.

(Gegen)Normierungen

Fuckforforest stellten sich von Anfang an als die dar, die gegen bürgerliche Normierung eine „freie Sexualität“ leben. All die, die andere Vorstellungen hatten und haben, wurden mit dem Label der Prüderie versehen. Dies spiegelte sich beispielsweise in den Reaktionen auf einen jungen Genossen wider, der, nachdem die Leute von fuckforforest sich ausgezogen hatten, äußerte, er hätte sich vielmehr Diskussion als Show gewünscht. Neben „Ausziehen!“-Rufen wurde dem Genossen darüber hinaus ein „unnatürliches“ Verhältnis zur eigenen Sexualität unterstellt. Was hier versucht und erschreckenderweise von etlichen KongressteilnehmerInnen mitgetragen wurde, ist Gegennormierung. Entgegen bürgerlicher Sexualmoral soll eine andere ebenso festgeschriebene, vorgegebene, homogenisierende Moral und Praxis durchgesetzt werden. Unterstützt wurde diese Tendenz zur Gegennormierung durch platte Biologismen bzw. sexuellen Essentialismus. So sei es „natürlich“, nackt zu sein, jede Kritik wurde als "unnatürlich" abgetan. Es sei „natürlich“, also den „menschlichen Trieben“ entsprechend, mit vielen wechselnden PartnerInnen an allen möglichen öffentlichen Orten Sex zu haben. Alles andere sei verklemmt. Gar von einem "Naturrecht auf Nacktheit" war die Rede.

Aber: Eine „natürliche” Sexualität existiert nicht. Und die Proklamation einer solchen schafft zweifellos Gewaltverhältnisse.

Was hier versucht wurde, ist (übrigens entgegen jedem anarchistischen Anspruch), das eigene Verhalten, die eigenen (sexuellen) Vorlieben zu ideologisieren. Was allerdings (Gegen-)Normierung, Essentialisierung und Ideologisierung mit Anarchismus zu tun haben, der von fuckforforest samt UnterstützerInnen proklamiert wurde, bleibt (mir) schleierhaft. Denn Anarchismus heißt (auch) eine Pluralisierung von Lebensentwürfen, von Liebesentwürfen, von den Vorstellungen, wie Menschen (zusammen) leben, lieben, begehren mögen. Anarchismus beinhaltet für mich den Anspruch, die elenden Masterpläne beiseite zu legen und das eigene Leben kreativ, verantwortungsvoll und in Respekt vor anderen Entwürfen gestalten zu können. Dass das nicht ohne eine Auseinandersetzung mit (Herrschafts-)Strukturen funktionieren kann, dass wir uns nicht ins Außen stellen können, dürfte auf der Hand liegen. Anarchismus heißt für mich daher auch, die Kämpfe gegen diese Strukturen aufzunehmen und da getrost mal mit uns selbst anzufangen, damit, wie diese Herrschaftsstrukturen, in diesem Fall Sexismus und Heteronormativismus, in uns und durch uns wirken. In jedem Fall bedeutet für mich Anarchismus die Ablehnung von Normierungen, komme sie durch die katholische Kirche oder durch fuckforforest&friends.

Umgang mit Grenzüberschreitungen

Ein weiteres Problem, das sich in diesem Zusammenhang zeigte, ist der Umgang mit Grenzüberschreitungen. Noch während der Veranstaltung kam es zu solchen. Diese wurden definiert und angesprochen. Reagiert wurde nicht. Stattdessen wurde versucht, diese Grenzüberschreitungen wegzureden.

Einige Frauen äußerten sich in dem Sinne, dass sie auf dieser Veranstaltung nicht mit männlichen nackten Körpern konfrontiert sein wollen. Andere verdeutlichten, dass in einer patriarchal bestimmten Gesellschaft mit all ihren Konsequenzen wie etwa der Erfahrung sexualisierter Gewalt männliche nackte Körper durchaus als eine Bedrohung erlebt werden KÖNNEN. Und dies anscheinend für einige gerade auch tun. Geantwortet wurde mit dem Verweis auf die eigene männliche anarchistische Freiheit, zu tun und zu lassen, was man wolle. Für die Frauen, die damit nicht klarkommen, hatten die Mitglieder von fuckforforest (und nicht nur diese) eine Palette von „Mitleid“ über Beschimpfungen („Hardcorelesbe“) bis hin zu üblichen patriarchalen Argumentationsmustern (Lustfeindlichkeit des Feminismus) anzubieten. Auch kritisierten einige Menschen den vermittelten Heteronormativismus der Gruppe. So entsprach die Show nicht nur den gängigen Geschlechterklischees, sie vermittelte auch ein Bild heterosexistischer Norm und Abweichung. Spätestens an diesen Punkten hätte deutlich werden müssen, dass das Thema Sexualität nicht von gesellschaftlichen Ordnungssystemen abgetrennt betrachtet werden kann. Sexualität ist nicht frei von gesellschaftlichem Druck und gesellschaftlichen Zwängen, so schön das auch wäre. Wer dies negiert, wird diese Zwänge nicht überwinden können, sondern ihnen – im schlimmsten Fall – zuspielen. Das konnte fast prototypisch auf dem Kongress beobachtet werden. Ein paar Typen, die meinten, sich in sexueller Selbstbefreiung üben zu müssen, ohne die Bedürfnisse anderer zu achten, überschritten konsequent Grenzen und schränkten so den Raum für etliche andere Menschen ein, die antisexistische Mindeststandards einforderten. Insofern war die Entscheidung der Orga-Gruppe folgerichtig, den Kongress am nächsten Tag, nach erneuter Provokation der fuckforforest Leute aufzulösen, weil – so die Begründung – aufgrund von unsolidarischem Verhalten ein anti-sexistischer „Freiraum“ nicht mehr gewährleistet werden konnte.

Ein antisexistischer Freiraum bedeutet nicht, dass es Orte gibt, die frei sind von patriarchalen, sexistischen und heteronormativen Strukturen. Er bedeutet nicht, dass wir uns auf eine Position zurückziehen können, die vorgibt, frei zu sein von Herrschaftsmechanismen. Und schon gar nicht bedeutet er, dass AnarchistInnen die besseren Menschen wären. Ein antisexistischer Freiraum bedeutet, dass ein Ort geschaffen wird, an dem respektvoll miteinander umgegangen wird und an dem die Bereitschaft besteht, sich mit eben diesen Strukturen auseinanderzusetzen, sich selbst in die Kämpfe miteinzubeziehen. Dieser Ort war tatsächlich nicht (mehr) gegeben.

Es ging den fuckforforest Leuten und ihren UnterstützerInnen zu keiner Zeit um eine Debatte oder Auseinandersetzung um Sexualität, Sexismus, Tabuisierungen, Normierungen. Noch ging es ihnen um die Suche nach einer Lösung des Konfliktes mit einem für alle tragbaren Ergebnis. Die eigene sexuelle Freiheit wurde provokativ und missionarisch über die Freiheit anderer gestellt. Wo aber sexuelle Freiheit nicht sexuelle Selbstbestimmung aller meint, wird das Konzept schlicht patriarchal-autoritär.


Stellungnahme zu A-Kongress

Mein Text versteht sich als Ergänzung der beiden Texte von Gabriel Kuhn und XY (auf dieser Seite dokumentiert). Ich schließe mich ihren Inhalten und Analysen voll an. Allerdings hatte ich das Bedürfnis mich drüber Hinaus zu den Vorgängen zu äußern.

Am 11.04.2009 sollte im Rahmen des "A-Kongress. Anarchie im 21. Jahrhundert - Anarchie organisieren!" der Workshop "Anarchie und Sex" stattfinden. Auf anfrage der Orga-Gruppe hatte ich mich bereit gefunden an diesem Workshop teilzunehmen und ggf einen Input zu geben. Ziel des Workshops wäre es gewesen die verschiedenen Aspekte von Sex und Gender in sozialer, kultureller, politischer und ökonmischer Hinsicht näher zu beleuchten. Dabei sollten individuelle Dinge ebenso zur Sprache kommen, wie diverse Sexpratiken, "szenespezifische" Probleme, Fort- und Rückschritte in der "Mainstreamgesellschaft", psychologische Aspekte ebenso wie die Industrielle Verwertung von Sex und Gender.

Aufgrund des regen Interesses an dem Workshop (mehrere hundert Leute wollten teilnehmen) fand er am Samstagabend unter freiem Himmel statt. Die mir bis dahin vollkommen unbekannte Gruppe "Fuck for Forest" bat sich aus sich vor dem Workshop kurz vorstellen zu dürfen. Und hier begann das Desaster, das am folgenden Tag seinen Höhepunkt in dem vorzeitigen Abbruch des Kongresses gefunden hat.

Zwei Personen (ein Mann, mit Hose, Hemd und Frack durchaus angezogen und eine Frau, in Wäsche, welche ihre sekundären Geschlechtsmerkmale besonders betonte) traten also nach vorne und stellten die Gruppe kurz vor. Demnach handelt es sich um Menschen die Pornos mögen und gerne Pornos produzieren. Dies stellen sie auf ihrem Webportal online und User zahlen einen gewissen Betrag. Ein Teil des mit selbstgemachten oder "gespendeten" Pornos erwirtschafteten Geldes wird ihrer Aussage nach zum Wiederaufforsten des Regenwaldes in Südamerika verwandt. Leider war damit ihre Vorstellung noch nicht zu ende. Offensichtlich ist FFF mit einem gewissen Sendungsbewußtsein ausgestattet, das über "Wir lieben Pornos" und "Wir retten den Regenwald" hinaus geht. Vielmehr knüpft es an alte, repressive und wenig fortschrittliche Hippyideologien von "Natur" und Instinkt an. Damit reihen sie sich selbst, sofern irgendjemand gewillt ist ihnen ihr "anarchistisches" Selbstbild abzunehmen in die primitivistische Tradition des modernen Lifestyle Anarchismus ein. Phrasen a la: "Live like animals, Just being a part of nature, celebrating life.", "Can sex heal the planet? Reclaim your nature!" oder "Love & erotic spirituality!" gepaart mit der platten und inhaltslosen Behauptung das "Sex natürlich ist" verraten nicht gerade eine sehr tiefgehende Beschäftigung mit dem Thema.

Als der Mann von FFF fertig war, setzten sich beide wieder hin. Ein Mann aus dem Workshop fühlte sich herausgefordert auf das primitivistische Bild von "Natur" und "Instinkt" reagieren zu müssen. Ich bezweifle allerdings das die Mehrheit seine bedenken hören, geschweige denn Nachvollziehen konnte.

Am Ende meines Inputs, bezog auch ich Stellung zu dem meiner Meinung nach primitiven Verständnis von "Natur", "Instinkt" und "Sex", so wie ihn FFF dort präsentiert hatte. So blendet FFF a-sexuell Lebende Menschen bestenfalls aus.

Leider war nach dem Input-Vortrag die erste Wortmeldung eine, die sich positiv auf FFF bezog und dabei klar machte, das im Lifestyle-Anarchismus die einfachsten Begriffe ihre Bedeutung verloren haben. Ein junger Mann, offensichtlich von der Pro-Porno-Haltung und der Nack-Predigt von FFF begeistert, schlug vor eine "Direkte Aktion" (siehe dazu den Text von Harald Beyer-Arnesen auf www.fau.org/duesseldorf) zu starten. Demnach sollten sich alle ausziehen und nackt auf die nächste Kreutzung setzen. Kein Wort zu Sinn oder Zweck dieser im besten Falle symbolischen Aktion!

Im Zuge um die Aufkeimende Diskussion darum, ob die Aktion sofort, später, gar nicht oder am nächsten Tag ausgeführt werden sollte (wie gesagt, ohne das irgendjemand sich zum Sinn oder Zweck einer solchen Aktion geäußert hätte) standen einige FFF-AktivistInnen auf und entledigten sich eines Teils ihrer Kleider und forderten die anwesenden auf es ihnen gleich zu tun. FFF verband damit die Aufforderung der "Natur" zu ihrem Recht zu verhelfen, die "natürlichen Instinkte" frei zu setzten und weitere Variationen ihres primitiven Biologismus. Bemerkenswert dabei, das die Frauen alle etwas anbehielten, das ihre sekundären Geschlechtsmerkmale nur unterstrich!

Einer der Männer der sich entkleidetet, viel mehrmals um und in die erste Reihe der Teilnehmenden. Ob es dem Alkoholkonsum, dem Gebrauch anderer Drogen oder nur einem schlechten Gleichgewichtssinn an zulasten ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Das mag im späteren Verlauf durchaus dazu beigetragen haben das es Stimmen gab, die sich nicht begeistert davon zeigten an diesem Abend ungefragt einen Schwanz gezeigt zu bekommen.

Die "Diskussion" um die Aktion verschärfte sich zusehends und für mich war der ganze Workshop ab da gelaufen. Insgesamt hatte ich gut dreimal versucht ihn wieder auf die Bahn zu bringen, u.a. dadurch das ich alle Menschen aufforderte, welche spontan und nackt die nächste Kreuzung blockieren wollten, dies auch zu tun und uns (endlich) zu verlassen. Meines Wissen ist nicht ein Mensch in diesem Moment gegangen.

Während dessen, war der von FFF selbst mitgebrachte Dokumentationstrupp dabei die "Aktion" zu Filmen (Cam-Corder) und zu Fotografieren.

Später am Abend habe ich dann von mir persönlich bekannten und verläßlichen GenossInnen gehört, das im Zuge der weiteren "Diskussion" Frauen geäußert hatten, das sie es nicht gerade sehr angenehm empfanden sich plötzlich mit einem nackten Mann konfrontiert zu sehen. Die Erwiderung darauf wurde von einem FFF Mann mit den Worten "Hard-core-lesbe" eingeleitet. Das allein disqualifiziert FFF (da niemand von ihnen darauf reagiert hat).

Am nächsten Tag war FFF wieder auf dem Gelände und einige AktivistInnen waren wieder in der Art und Weise "nackt" wie schon am Abend zuvor. Besonders die Frauen trugen also weiterhin (ihrer "Natur" entsprechend oder ihrem "Instinkt" folgend?) Accessoires , welche ihre sekundären Geschlechtsmerkmale in besondere Art und Weise heraus strichen. Angeblich wollten FFF vom A-Kongress aus losgehen und eine Kreuzung blockieren. Dazu kam es jedoch nicht.

Für mich hat sich an diesem Tag mein Eindruck vom Abend bestätigt. FFF ist gekommen um Aufmerksamkeit zu erheischen und in dieser nach ihrer eigenen Regie zu baden. Das sie dabei rücksichtslos vorgegangen sind, ist das direkte Ergebnis ihres repressiven primitivistischen Lifestylhippytums.

Die Idee, sich nackt auszuziehen und FFF notfalls einen physikalischen Platzverweis zu erteilen, wurde leider von niemandem in die Tat aufgegriffen. Damit hätte man FFF und allen anderen zeigen können, das das Problem nicht "Nacktheit" ist (etwas das die radikale Arbeiterbewegung seit 150 Jahren praktiziert!) sondern, die Ideologie von FFF, ihr konkretes rücksichtsloses Auftreten, die beleidigend gemeinten Kategorisierungen von TeilnehmerInnen (z.B. als Hard Core Lesbe) und ihr unerträglicher Selbstdarstellungsdrang!